„Der Beitritt zu einem Militär- oder Verteidigungsbündnis wie etwa der Nato wäre ausgeschlossen, eine Zusammenarbeit nur für den Fall eines direkten Angriffs auf die Schweiz oder zur Abwehr eines Angriffs möglich.“ (Aus: Christina Neuhaus, „Soll die Schweiz wieder neutraler werden?“, NZZ 8.1.26)
Paradoxerweise wird der verteidigungspolitische Aspekt der Neutralitätsinitiative immer wieder ungenügend oder gar nicht behandelt. Dabei behaupten die Befürworter der Neutralitätsinitiative, diese sei im Interesse der Landesverteidigung.
Eine „Zusammenarbeit im Fall eines direkten Angriffs auf die Schweiz oder zur Abwehr eines Angriffs“ muss VORBEREITET werden, sonst ist sie eine Illusion. Bundesrat und General wussten dies, als ein Angriff Hitlers auf die Schweiz drohte, und bereiteten eine gemeinsame Abwehr mit der französischen Armee vor. Als diese kapitulierte, zogen Bundesrat und General die Konsequenz: Da sie eine Verteidigung ab Landesgrenze allein durch die Schweizer Armee als unmöglich erkannten, zogen sie das Gros der Armee ins Alpenréduit zurück. Die Bevölkerung ausserhalb des Réduits wäre im Fall eines Einmarsches von Wehrmacht und SS deren Willkür und Repressionsmassnahmen ausgesetzt gewesen. Aus militärischen Gründen war vorgesehen, dass die Armee die Flucht eines grossen Teils der schweizerischen Zivilbevölkerung ins Alpenréduit verhindert hätte.
Bei all ihren – grundsätzlich berechtigten – Forderungen nach Nachrüstung der Schweizer Armee können die Befürworter der Neutralitätsinitiative nicht im Ernst behaupten, heute wäre eine Alleinverteidigung des Kleinstaats gegen eine angreifende Grossmacht besser möglich als 1940. Die seither erfolgte Entwicklung von Waffensystemen und Informatik bewirkte das Gegenteil.
Zu kurz greift auch die Behauptung, Neutralität und Réduitstrategie hätten die Schweiz vor der Besetzung durch Deutschland bewahrt. Vielmehr war es eine kompromissbereite Deutschlandpolitik des Bundesrates, die es für Hitler und seine Führung unnötig erscheinen liess, an andern Fronten benötigte militärische Mittel in der Schweiz einzusetzen. Für diese Kalkulation und Prioritätensetzung spielte eine Rolle, dass Berlin wohl doch damit rechnete, dass die Schweizer Armee aus dem Réduit heraus Widerstand leisten würde. Die Armee war nicht, wie mitunter behauptet wurde, nutzlos.
„Die Schweiz, das kleine Stachelschwein, das nehmen wir im Rückweg ein“ – dass es nicht dazu kam, verdankt die Schweiz auch den Siegermächten.
Ein Kommentar
Die „kompromissbereite Deutschlandpolitik des Bundesrates“ müsste doch einmal klar umschrieben werden wie, Waffenlieferungen (Oerlikon Bührle) an Deutschland wie auch an die Alliierten, sogenannte Sanitätszüge aus Deutschland durch den Gotthard nach Italien, jeder wusste, was drin war, deutschfreundliche Vereinigungen (vorsichtige Formulierung!!!) in allen grösseren Ortschaften wie Davos, Verhalten der Banken im internationalen Finanzverkehr, Kunsthandel usw. usw. Dann die Geschichten im WWI, dass der Sohn von Wille bei den Deutschen so beliebt war, ist verständlich, wenn man die Vorgeschichten kennt. Ulrich Wille, mit deutschen Wurzeln, wurde damals nur General, weil sich BR Arthur Hoffmann, dessen Vater aus Frankfurt um 1850 nach St.Gallen eingewandert war, so für U. Wille gegen von Sprecher eingesetzt hat. Die Hoffmann-Bodmer-Affäre 1917, welche letztlich zum Rücktritt von Hoffmann führte, war in Deutschland sicher noch nicht vergessen und in freundlicher Erinnerung. Da liesse sich noch vieles anhängen.
Eine andere Bemerkung: Warum wird der Ewige Friede, Ewige Richtung von 1516 mit Frankreich und das Soldbündnis 1521, welche von jedem König neu bestätigt wurde, nie in den Neutralitätsdebatten erwähnt? War sogar BR Rösti nicht bekannt, wie ich am Morgartenschiessen 2025 feststellen musste. Beide Verträge sind bis heute nicht gekündigt, Grund: Der letzte Vertragspartner verlor in der französischen Revolution seinen Kopf.