Sie befinden sich hier:

Wie wirken sich Trumps Zölle auf die militärische Stärkung des demokratischen Europas aus?

Noch steht die Forderung der USA im Raum, dass die europäischen Nato-Partnerstaaten ihre Verteidigungsausgaben auf 5 % des Brutto-Inlandprodukts erhöhen. Nun erschweren Trumps Zölle die Erhöhung der militärischen Bereitschaft des demokratischen Europas gegen Putin.

Die meisten Regierungen und parlamentarischen Mehrheiten der europäischen Demokratien sind grundsätzlich gewillt, ihre Verteidigungsbereitschaft gegen Putin rasch zu stärken und dies auch zu finanzieren. Die Finanzierung führt aber in Verteilungskämpfe: Kürzung der Sozialleistungen? Kürzung des Bildungs- und Forschungsaufwands? Steuererhöhungen?

Erschwerend kommt dazu, dass infolge massiver Marktanteilsverluste der Exportbranchen die Steuererträge zurückgehen und durch Stellenabbau die Arbeitslosigkeit steigt. Viel mehr Menschen verarmen. Überlassen die Staaten die Menschen, die von Sozialhilfe abhängig werden, ihrem Schicksal, wird sich ein Teil von ihnen extremen Parteien zuwenden, und es steigt die Wahrscheinlichkeit von Unruhen.

Gallup führte kürzlich eine Umfrage in zahlreichen Ländern durch, ob die Befragten bereit wären, für ihr Land zu kämpfen (Link). Die Ergebnisse sind bedenklich – und ermutigende Signale an Putin. In Europa seien es 47 %, in der Schweiz 41, in Deutschland 23. Die Bereitschaft könnte steigen, wenn Putin sich wirklich zu einem Vorstoss Richtung Westen anschickt. Als Hitler Grossbritannien angriff, war plötzlich ein grosser Teil der britischen Bevölkerung einsatzbereit und einsatzfähig. Eine soziale Krise würde aber die Bereitschaft weiter senken, für ein Land zu kämpfen, dessen Führung nicht mehr gewillt oder fähig ist, Arme und Armutsgefährdete vor Verelendung zu bewahren.

Trump will ein anderes Europa. Er und seine Unterführer unterstützen autoritäre, EU-feindliche, Putin-freundliche Parteien. Wenn Putin von dieser Entwicklung profitiert, passt dies durchaus in Trumps Anti-Europa-Politik. Trump bejaht Einflusszonen und deren Erweiterung. Wir müssen damit rechnen, dass er Putin eine Wiederausdehnung Russlands auf das Territorium der ehemaligen Sowjetunion und der russischen Dominanz auf diejenigen des früheren Warschauer Pakts zugesteht.

Deshalb müssen in den europäischen Demokratien Strategien für sozialen Zusammenhalt entwickelt und umgesetzt werden. Trotz allen Frustrationen, die jetzt gegen die sich abzeichnende Koalitionsvereinbarung zwischen Union und SPD hochkommen, kann gerade ein solches Zusammengehen eine notwendige Antwort auf die dargestellte Entwicklung sein. Und in der Schweiz muss man sich darauf zurückbesinnen, dass Konkordanz einmal anders gedacht war als blosse bedingungslose Zuteilung von Sitzen im Bundesrat.

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Die Schweiz wendet sich von der EU ab.

Das war zu erwarten, und jetzt tritt es ein: Wenn die Europäische Union beginnt, die Schweiz als Drittstaat zu behandeln, wird in der Schweiz jede Anwendung dieses Prinzips Empörung hervorrufen. Eine Neuorientierung, eine Rückwendung zu einem integrierten Europa kann eines Tages möglich werden, aber der Weg dahin ist schwer.

Weiterlesen »

Was tun, wenn das Rahmenabkommen scheitert?

Nach verbreiteter Erwartung wird der Bundesrat das Rahmenabkommen mit der Europäischen Union scheitern lassen. Ob er einen Plan B hat, und wie die EU auf einen solchen reagieren wird, ist offen. Der blosse Wunsch, zu verhindern, dass der Zugang zu den europäischen Märkten und Kooperationen erschwert wird, ist jedenfalls noch kein Plan B.

Weiterlesen »

Beginnen wir, über eine Europa-Volksinitiative nachzudenken!

Einwanderung und Bevölkerungswachstum sind per se keine Sympathieträger grosser Teile der Bevölkerung. Dass trotzdem fast 62 Prozent der Stimmenden die Kündigungsinitiative der SVP ablehnten, wird vor allem auf den Willen zurückzuführen sein, den diskriminierungsfreien Zugang zum Wirtschafts-, Forschungs- und Bildungsraum Europa zu sichern. Wenn nun eine klare Mehrheit der Parteien und Verbände beim Rahmenabkommen auf einen Kollisionskurs mit der EU geht, könnte sich bald herausstellen, dass dessen Folgen diesem Volkswillen zuwider laufen.

Weiterlesen »