Es war immer mit der Möglichkeit zu rechnen, dass es sich auswirken wird, dass die russische Bevölkerung viel grösser ist als die ukrainische. Nun wird gemeldet, in Soledar habe die ukrainische Armee dasselbe Problem gehabt, wie zuvor die russische: Sie habe frisch Rekrutierte gegen professionelle Feinde einsetzen müssen.
Westliche Staaten sind bereit, immer leistungsfähigere Waffen, insbesondere Panzer, zu liefern, aber es werde Monate gehen, bis die ukrainische Armee sie einsetzen könne.
Eine Prognose über die Entwicklung des Kriegsverlaufs ist wohl noch nicht möglich, aber das Szenario einer Wende zugunsten der russischen Armee ist nicht ausgeschlossen. Westmächte werden sich dann fragen müssen: Ist es angesichts der Opfer, die die Ukraine bereits erlitten hat und weiter erleidet, zu verantworten, sie einer Niederlage entgegengehen zu lassen, ohne ihr durch Einsatz eigener Truppen zu helfen?
Biden, Scholz und Andere haben bisher zu erkennen gegeben, dass sie eine Eskalation zu einem grossen Europa-Krieg vermeiden wollen. Doch die Meinung ist verbreitet, die Ukraine widerstehe zwar aus eigenem Willen dem russischen Angriff, aber verteidige damit auch Westeuropa. Wenn die Ukraine falle, sei für Putin die Bahn frei, gegen andere Staaten, darunter die baltischen, vorzugehen. Die für einen Truppeneinsatz in Frage kommenden westlichen Regierungen werden entscheiden müssen, ob sie diese Beurteilung zur Grundlage ihrer weiteren Entscheide machen müssen. Damit ist auch die Frage verbunden, ob und bis wann man der russischen Armee zutraut, nach der kräftezehrenden und wenig überzeugend geführten Operation Ukraine wieder soweit zu erstarken, dass sie nächste Schläge führen kann.
Mit in die Überlegungen einzubeziehen ist erneut die Beurteilung des Risikos einer nuklearen Eskalation. Der Kreml kann sich auf den Standpunkt stellen, wenn Truppen von NATO-Staaten in die Ukraine einmarschierten, würden sie Territorien angreifen, die er als russisch beansprucht, womit die Voraussetzung eines Atomwaffeneinsatzes nach russischer Doktrin gegeben sei. Weiterhin müsste die russische Führung aber starke militärische und politische Gegengründe berücksichtigen. Ob sie dies täte?
Siehe auch:
„Atomwaffen im Kalten Krieg und heute“ (Link)
„Atomkriegsgefahr: Vielleicht ist die Lage ernster als einige annehmen“ (Link)