Sie befinden sich hier:

Was ist von Bundesrat Maurers Bezeichnung des Ukraine-Kriegs als Stellvertreterkrieg zu halten?

In einer neuerlichen Distanznahme von der Bundesratspolitik bezeichnete SVP-Bundesrat Ueli Maurer in einem Auftritt bei Parteifreunden in Appenzell-Ausserrhoden den Ukraine-Krieg als Stellvertreterkrieg. Dies wird weder der Art des Kriegsausbruchs noch dem Willen der ukrainischen Bevölkerung zur Selbstbehauptung als Staat gerecht.

Aufgrund der Zauberformel-„Konkordanz“ ist die Zugehörigkeit zum Bundesrat sowohl für die Bundesratsparteien als auch für ihre Bundesrätinnen und Bundesräte unverbindlich. Die öffentliche Distanznahme Bundesrat Ueli Maurers von der Ukraine-Politik des Bundesrates ist nur ein neuer Exzess in einer Reihe von Verletzungen des Kollegialitätsprinzips durch ihn und Andere. Dass die Schweiz keine Regierungspolitik und keine echten Regierungsparteien hat, ist politisch gewollt und  breit abgestützt und wird auch die nationalen Wahlen 2023 überdauern.

Ist der Ukraine-Krieg ein Stellvertreterkrieg, wie Maurer behauptet (Link zum Bericht über Maurers Auftritt) – und wie ihn auch Wikipedia in ihrem Artikel „Stellvertreterkrieg“ einreiht?

„Stellvertreterkrieg“ erweckt den Eindruck, dass es nicht primär um die Selbstbehauptung eines Staates geht, der sich verteidigt, sondern um die Interessen derer, die ihn unterstützen und den Kampf nicht selbst führen wollen. Das Wort erweckt zudem den Eindruck von Vergleichbarkeit des Verhaltens der Parteien, die Stellvertreter für ihre Interessen kämpfen lassen. Beides ist im Ukraine-Krieg nicht der Fall. Der ukrainische Widerstandswille ist nur dadurch erklärbar, dass die Ukraine um ihre staatliche Souveränität in ihrem eigenen Interesse kämpft. Und die russische Armee, die die Ukraine überfallen hat, ist nicht Stellvertreterin ihrer selbst.

Die Ukraine und die „Frontstaaten“ der NATO, namentlich Balten und Polen, beschwören die europäischen Demokratien, zu erkennen, dass es in der Ukraine um die Sicherheit und Freiheit des Westens insgesamt geht. In der Tat hat Putin sein Programm verkündet: Zurück zu den Machtverhältnissen vor dem Ende der Sowjetunion – Baltikum zu Russland, Mitteleuropa raus aus der NATO, zurück unter die militärische Kontrolle Russlands. Und Medwedew verkündete die Dystopie eines eurasischen Raumes bis nach Portugal. Die ukrainische Regierung stellt dem Westen unablässig in Aussicht, Putins imperialen Vormarsch stoppen zu können, aber nur wenn sie mehr, viel mehr westliche Waffenhilfe bekomme.

Aber dies ändert nichts daran, dass im Ukraine-Krieg ein Staat, der mit Zustimmung der damaligen Sowjetunion unabhängig wurde und ein Staatsvolk mit eigener nationaler Identität hat, gegen eine völkerrechtswidrige Aggression kämpft. Dies ist auch die Beurteilung durch den Bundesrat und die Mehrheit des Parlaments. Davon hat sich Bundesrat Maurer distanziert – in Übereinstimmung mit den Scharfmachern seiner Partei um Nationalrat Roger Köppel.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Markus Notter: „Jetzt muss das Volk beim Rahmenvertrag mitreden.“

Auch beim Entscheid, ob die Schweiz das Rahmenabkommen mit der EU abschliesst, ist das direktdemokratische Prinzip zu respektieren, dass in der Schweiz die wichtigsten politischen Entscheidungen durch das Volk gefällt werden. Es geht um eine Weichenstellung. Nun fordert Markus Notter, Präsident des Europa-Instituts an der Universität Zürich und ehemaliger soziademokratischer Regierungsrat im Kanton Zürich: „Jetzt muss das Volk beim Rahmenvertrag mitreden.“ Hierfür setzt sich auch PolitReflex ein*.

Weiterlesen »

Stellt der Schweizer Handelsgeist die Beziehungen zur EU auf eine neue, solide Basis?

Pläne B, die ausserhalb des Bundesrates vorgeschlagen werden, laufen darauf hinaus, der EU geldwerte Leistungen anzubieten, damit sie die roten Linien der Schweiz respektiert. Schon länger im Raum steht die Idee, die Kohäsionsmilliarde aufzustocken. Vor einigen Tagen kam von der SP-Spitze der Vorschlag, der EU Sozialleistungen im Sinne der Unionsbürgerrichtlinie anzubieten. Die neuste Idee stammt vom Präsidenten der Grünen, Balthasar Glättli („Schweiz am Wochenende“ 1.5.21)*: Die Schweiz führt einen Mindestsatz für Unternehmenssteuern ein, wenn die EU den Schweizer Lohnschutz respektiert – weniger Steuerdumping, kein Lohndumping.

Weiterlesen »

Die Schweiz testet Ersatzbeziehungen zur EU. Das Beispiel Forschung.

„Die USA sind kein Ersatz für die EU“, überschreibt die NZZ einen Bericht über Sondierungen des Schweizer Bildungs- und Forschungsministers Guy Parmelin in den USA. Sie beruft sich hierfür auf die Vizepräsidentin von Swissuniversities (Konferenz der Rektorinnen und Rektoren) und den Präsidenten des ETH-Rats.

Weiterlesen »