Japan:
Im 19. Jahrhundert führten die Meiji-Reformen zu einem tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft. Sie legten die Grundlage für technologischen Fortschritt sondergleichen. Er machte Japan zur militärischen Grossmacht, die über eine moderne Luftwaffe und Seestreitkräfte mit Flugzeugträgern verfügte. Japan unterwarf mehrere asiatische Länder, sogar China. Seine Soldaten wüteten in den besetzten Gebieten. Doch indem die kaiserliche Regierung und Militärführung durch den Angriff auf Pearl Harbour die USA herausforderte, überspannten sie Japans Kräfte. Sie verunmöglichten eine Konsolidierung der errungenen Machtstellung in Asien, und das tragische Ende dieser Politik trägt die Namen Hiroshima und Nagasaki. Erneut unter Druck von China, ist Japan vom militärischen Schutz der USA abhängig. Es fällt ihm schwer, seine Interessen im asiatischen Raum wirksam eigenständig und kooperativ zu vertreten. Regierung und Parlament entschlossen sich für militärische Aufrüstung.
China:
Das 19. war für China ein Jahrhundert der Schwäche, der Demütigung, der verpassten Chancen. Auf dem Höhepunkt des Imperialismus öffneten britische Truppen in zwei Kriegen für den Opiumhandel (Opium Wars). Nach der Jahrhundertwende standen europäische Truppen in Peking, um den sogenannten Boxeraufstand niederzuschlagen. Berüchtigt ist der Ausspruch Kaiser Wilhelms II. bei der Verabschiedung eines Marine-Verbandes, das den Auftrag hatte, in China gemeinsam mit Truppen anderer europäischer Mächte den Boxeraufstand niederzuschlagen: Die deutschen Soldaten sollten sich dort benehmen wie die Hunnen, damit nie wieder ein Chinese in Versuchung gerate, etwas gegen Deutsche zu unternehmen. Darauf Bezug nehmend, beschimpften die Kriegsgegner im Ersten Weltkrieg die Deutschen später als «the huns».
Es gab in China Kräfte, die die Meiji-Reformen zum Vorbild nehmen wollten. Der junger Kaiser Guangxu wurde für kurze Zeit ihr Hoffnungsträger, doch die Mächtigen am Hofe stellten ihn kalt. Die Köpfe der Reformbewegung wurden umgebracht oder gingen, wie Kang Youwei, nach Japan ins Exil.
Nach dem Ersten Weltkrieg bekam China 1911 die Chance, eine moderne Republik zu werden. Zu Chinas Unglück starb deren „Vater“Sun Yat-sen, 1925 im Alter von 59 Jahren. 1927 kam es zum Bürgerkrieg, 1949 konnte Mao Zedong die Volksrepublik China ausrufen..
Deutschland:
So unglücklich wie für China der allzu frühe Tod Sun Yat-Sens, war für Deutschland, dass im „Drei-Kaiser-Jahr“ 1888 der relativ liberal und konstitutionell gesinnte, kluge Kaiser Friedrich III. ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt starb. Damit wurde der Weg frei für Wilhelm II., eine der fatalsten Figuren für Europa und die Welt. Schon nach zwei Jahren gab er dem Bedürfnis nach, sich vom skrupellosen, innenpolitisch repressiven, aber aussenpolitisch erfolgreichen Realpolitiker Bismarck zu emanzipieren und ihn als Kanzler zu entlassen. Von da an ging’s bergab. Man darf annehmen, dass Bismarck und ihm nachfolgenden Regierungen seiner Schule der «Schlafwandel» in den Ersten Weltkrieg nicht passiert wäre, und somit Deutschland und der Welt die beiden Weltkriege wohl erspart geblieben wären.
Von der Zwischenkriegszeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zeigt sich eine Entwicklung, welche mit derjenigen Japans verglichen werden kann: Auf einen technologischen, insbesondere waffentechnischen Aufschwung und einen erfolgreichen Kriegsbeginn folgt Selbstüberschätzung: Der Russlandfeldzug führte in die Niederlage.
Österreich:
Nach dem gemeinsam Sieg der Koalition über Napoleon wurde für Österreich-Ungarn das 19. ein Jahrhundert der verkannten Entwicklungen und der verpassten Chancen. Mit dem ungarischen Adel hatte sich Habsburg auf eine Doppelmonarchie verständigt, aber gegenüber andern Nationalbewegungen wählte man in der „Heiligen Allianz“ mit Russland und Preussen eine Politik der Härte. Die mangelnde Eigenständigkeit Kaiser Franz Josefs wurde ironisiert in der Aussage, wenn er seine Erlasse mit «WIR» beginne, sei dies die Abkürzung seiner drei höchsten Militärs: Windischgrätz, Jellacic, Radetzky. Dann schlug das Schicksal zu: Mit Kronprinz Franz Ferdinand wurde ausgerechnet der Mann ermordet, der als fähig beurteilt wurde, Österreich-Ungarn realpolitisch zu führen, Verständigung mit Nationalitäten anzustreben und dem Niedergang der Monarchie Einhalt zu gebieten. Auf ein deutschsprachiges Volk reduziert, wuchs in Österreich die Bereitschaft, in ein deutsches Reich einzugehen, und Ungarn, um zwei Drittel seines Territoriums gebracht, entwickelte sich zu Hitlers Verbündetem.
Frankreich:
Das Schicksal, das Napoleon Bonaparte seinem Volk und sich selber durch die Überschätzung der Kräfte seiner Armee bescherte, hätte sowohl Japan als auch Deutschland Warnung sein können. Doch Hitler scheiterte wie Bonaparte an einem Russlandfeldzug.
Vermochte sich Frankreich zwischen Waterloo und Vichy nachhaltig zu regenerieren? Mit Napoleon III. führte ein ähnlich fataler Mann wie Wilhelm II. sein Land in die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1870. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, unter Führung General Charles de Gaulles, baute sich das Land (bei allen ökonomischen und anderen Vorbehalten, die angebracht werden mögen) eine stabile Stellung in Europa auf.
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Kommen wir nochmals auf das Beispiel China zurück. Wir müssen uns bewusst sein, wie gross das Bedürfnis dieses Landes nach Macht und Respekt ist, angesichts seiner teils selbst verursachten, teils fremdverschuldeten Schwäche, Demütigung und Leiden in zwei Jahrhunderten, und können nur hoffen, dass China keine militärischen Abenteuer eingeht: Sich nicht auf den Weg Bonapartes, Hirohitos und Hitlers begibt, einen Weg, der auch für China in einen Abgrund führen würde, in den es ganze Teile der Welt mitreissen könnte. Gegenüber China wie Russland muss eine europäische Politik darauf abzielen, diese Mächte an der Unterlassung kriegerischer Eskalationen interessiert zu halten.
Sind es jetzt die USA, die über die bevorstehenden Wahlen hinaus einer fatalen Führung folgen – vielleicht bis der Mehrheit des Volkes ein Verhängnis die Augen öffnen muss?