„Wer redet noch vom Wirtschaftsstandort Deutschland?“ fragt Hans-Hermann Tiedje in einem neuerlichen Rundschlag gegen Angela Merkel in der NZZ vom 10.6.2020.
Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen… Und wenn sie, was durchaus normal ist, von Werthaltungen beeinflusst sind, besteht die Gefahr, dass die Grenze des analytisch Begründbaren überschritten wird: Der Wunsch, eine Politik, die man ablehnt, möge scheitern, kann in die Prognose eingehen.
Tiedjen fragt: „Aber was ist das für ein Land, das eine solche Serie politischer Fehlentscheidungen aushält? Es ist jenes Land, das fast sechs Jahre einen Zweiten Weltkrieg aushielt und in dem die deutsche Reichspost noch im April 1945 Pakete auslieferte.“ Drückt sich da prognostische Vorsicht aus?
Deutschland hat – wie die Europäische Union – grosse Probleme. Aber das Land hat in der Nachkriegszeit einen Leistungsausweis erarbeitet, auch wenn zutrifft, dass sein Exporterfolg zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass es mit dem Euro eine billigere Währung hat als die Mark war.
Heute liegt nahe, mit Blick auf Deutschland sowohl die Risikofaktoren als auch die Unzufriedenheit viel stärker zu gewichten als die Leistungsfähigkeit und die Breite der Solidarität mit Verfassung, Regierungssystem und relativer Eigenständigkeit der Bundesländer.
Und nun Corona. Tiedjen scheint zu erwarten, dass die grosse Zustimmung, die Kanzlerin Merkel derzeit bekommt, in Kürze zusammenbrechen wird. Wunschdenken? Weshalb sollte eine Frau, die sich in einer Gesundheitskrise behauptete, sich nicht auch in einer Wirtschaftskrise behaupten? So wenig es sicher ist, so wenig ist es ausgeschlossen.