Sie befinden sich hier:

Brandmauer: Keine Regierungsmacht für die AfD

Es muss nicht zur Regierungsbeteiligung der AfD führen, wenn Anträge der Union nur durch Stimmen der AfD angenommen werden. Aber eine Dynamik, die zum Fall der Brandmauer führt, ist vorstellbar.

Eine Partei – im vorliegenden Fall die Union – kann nicht verhindern, dass sie für einen Antrag die Unterstützung einer bestimmten anderen Partei bekommt. Dies kann mit dem Vorwurf an die Union nicht gemeint sein. Vorwerfbar ist, wenn der Antrag problematische Substanz aus dem Programm der verpönten Partei enthält. Diskussionsthema kann auch sein, ob sich die Union zu wenig bemühte, ihren Antrag durch eine Verständigung mit einer anderen Partei mehrheitsfähig zu machen. Aber damit stellt sich auch die Frage, ob diese andere Partei – die SPD oder die Grünen – ihrerseits ungenügende Verhandlungsbereitschaft zeigte.

Die Brandmauer ist noch nicht gefallen, denn ihre Substanz besteht darin, die AfD von Regierungsmacht fernzuhalten. Allerdings ist eine Dynamik möglich, die der AfD direkt oder indirekt Regierungsmacht gibt. Wenn der soeben eingetretene Vorfall ein Vorbote längerfristiger Unfähigkeit der verfassungstreuen Parteien zu Verständigung ist, und sich solche Vorgänge wiederholen, kann die AfD beginnen, Bedingungen für ihre Zustimmung zu stellen. Es wird jetzt auch vorstellbar, dass nach der Bundestagswahl eine mehrheitsfähige Koalition verfassungstreuer Parteien mit der Union unmöglich wird, weil sich die Positionen als unvereinbar erweisen. Eine Minderheitsregierung der Union wäre dann wohl immer wieder auf AfD-Stimmen angewiesen.

Kanzlerkandidat Merz wird in den verbleibenden Wahlkampf-Wochen beteuern, dass er die AfD von Regierungsmacht fernhalten werde. Müssen die Wählerinnen und Wähler befürchten, dass nach den Wahlen eine Entwicklung wie in Österreich eintritt?

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

AfD radikalisiert sich weiter – vielleicht will die NZZ irgendwann doch nicht mehr ihre Werbeträgerin sein.

Wie entwickelt sich die AfD? Dies zu beobachten, ist leider nun auch deshalb nötig, weil die Unternehmensleitung der NZZ in ihren Antworten auf Proteste gegen die Aufnahme eines AfD-Inserats diesen Entscheid nicht nur verteidigte, sondern geradezu Stolz darauf zu erkennen gab, ein anderes, ihrer Meinung nach offenbar „schweizerischeres“ Verständnis von politischer Auseinandersetzung zu haben als in der deutschen „wehrhaften Demokratie“.

Weiterlesen »

Bundesrat zu EMRK/EGMR-Vorstössen: Nein zu Kündigung, Ja zu Vorstoss beim Europarat

Nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) eine Klage der Schweizer KlimaSeniorinnen gutgeheissen hatte, wurden parlamentarische Vorstösse eingereicht. Der Bundesrat lehnt die Forderungen nach Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) ab, empfiehlt aber die Überweisung der Motion von Ständerat Andrea Caroni, „darauf hinzuwirken, dass sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) an seine Kernaufgabe erinnert“, primär durch Aushandlung eines Zusatzprotokolls zur EMRK.

Weiterlesen »