Sie befinden sich hier:

Partys: Ventile – die jetzt einfach wieder zu schliessen sind?

Wer seine Hörner längst abgestossen, wer zu einem besonnenen, ruhigen Leben gefunden hat, braucht etwas Fantasie, um im Partyleben jüngerer Menschen etwas Anderes als Unfug zu sehen, der nun wegen Corona einfach abzustellen ist – endlich abzustellen, wenigstens für eine Weile.

Doch sind diese Partys nicht Überdruckventile? Bei Wasserdampf sagt uns die Physik, was der Druck macht, wenn wir das Ventil schliessen. Wenn Partys Überdruckventile im Leben junger Menschen sind – wohin geht der Druck, wenn Gesundheitsbehörden und Polizei die Partys unterbinden?

Es liegt mir fern, zu verkennen oder zu beschönigen, was bei gewissen Partys geschehen kann. Aber bemühen wir uns dennoch, die Realität in ihrer Gesamtheit zu sehen. Ein Teil des Partyvolks erfüllt unter der Woche harte Anforderungen der Leistungsgesellschaft. Man mag fragen, ob und weshalb es früher genügte, sich in einem Sportclub oder Musikverein, im Kino oder einem Dancing der sechziger und siebziger Jahre zu regenerieren. Aber wir wissen, dass dies bei vielen jungen Menschen nicht mehr so ist. Das zeigt sich nicht nur in der Partyszene. Man weiss, dass sich tüchtige Angestellte am Wochenende zu Ultra-Hooligans wandeln können.

Strategien zur Förderung einer besseren Ausgleichskultur suchen – gern! Aber nicht unüberlegt Ventile schliessen. Viele haben reflexartig die Erklärung zurückgewiesen, der Krawall in Stuttgart sei die Tat rebellierenden Partyvolks gewesen. Es sei ja auch „Allahu Akbar“ gerufen geworden, mindestens vereinzelt. Mag sein. Aber wenn wir Ventile schliessen, haben wir den Überdruck noch nicht beseitigt.

Denken wir daran, wenn dem Bundesrat vorgeworfen wird, über die Wiederöffnung der Clubs nicht nur epidemiologisch entschieden zu haben.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Es gibt bessere Mittel, um Sicherheit zu erhöhen, als Bestrafung

Der Freispruch eines Fluglotsen durch das Bundesgericht ist von grosser und grundsätzlicher Bedeutung. Er bereitet den Weg zu einer Fehlerkultur, welche fördert, dass sicherheitsrelevante Fehler zu Ausgangspunkten für Verbesserung der Sicherheit werden: Durch Analyse und durch das Ziehen von Konsequenzen in Verfahren, Organisation, Führung, Ausbildung, Weiterbildung.

Weiterlesen »

„Tages-Anzeiger“ stellt Redaktion ohne Kulturressort vor

Der Niedergang von Kulturjournalismus und Kulturkritik in den grossen Schweizer Zeitungen geht weiter: Am Dienstag, 5. Mai 2026 stellt der «Tages-Anzeiger“ auf zwei Seiten seine Redaktion vor, aufgeteilt in Leitungsfunktionen und Ressorts. Eine Kulturredaktion kommt nicht mehr vor.

Weiterlesen »

Geben wir Generationen-Büffeln keine Chance

Der Anteil älterer und alter Menschen an der Bevölkerung wächst, und damit auch ihr Einfluss in Abstimmungen und Wahlen. Das erfordert keine Konfrontationsstrategie, sondern Pflege und Entwicklung der Beziehungen zwischen den Generationen.

Weiterlesen »