Sie befinden sich hier:

Corona: Legitime Interessenvertretung und interessenunabhängige Willensbildung.

Interessenvertretung ist legitim, auch und gerade in der Corona-Krise. Viele Unternehmens-Führungsverantwortliche und Angestellte sind verzweifelt und zornig, und wir müssen wohl tatsächlich damit rechnen, dass viele Unternehmen untergehen, mit oder ohne Konkurs. Aber auch interessenunabhängige Meinungsbildung ist nötig. Und sie ist schwierig. Wer mental noch dazu fähig ist, wird anerkennen, in welch einem tragischen Dilemma wir stehen. Das würde nahelegen, sich mit Verständnis für andere Meinungen und mit einer gewissen Zurückhaltung zu äussern.

Unmittelbare Auswirkungen von Massnahmen, die das Wirtschaftsleben hemmen, sind schneller und leichter vorhersehbar als längerfristige Folgen. Wie würde es sich auswirken, wenn die Ansteckungszahlen in den nächsten Wochen wieder kräftig steigen?

„Das Leben in einem Land ist mehr als die Vermeidung von Todesfällen um jeden Preis“, kommentiert Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik der NZZ-Regionalmedien, in der „Schweiz am Wochenende“ (5.12.20, S 22): „Zumindest wenn es lebenswert sein soll.“

In diesem Sinne nähern wir uns tatsächlich dem unausgesprochenen Grundsatzentscheid für „Sterben Lassen“ an*, oder haben ihn bereits gefällt – auch wenn wir uns noch so sehr bemühen wollen, möglichst viele Todesfälle zu vermeiden. Aber Hollenstein räumt auch ein, dass der Preis für den Schweizer Sonderweg, den er für richtig hält, „ein ständiges Nachjustieren“ sei. Dazu gehört auch, zu überlegen, wie es sich auf unser Leben, einschliesslich des wirtschaftlichen, auswirkt, wenn wir unser Gesundheitssystem überfordern und zulassen, dass die Sterbezahlen stark ansteigen.

Und es trifft ja zu, dass die Folgen der Wirtschaftskrise, in die uns Corona zu stürzen droht, ebenfalls Menschenleben kosten kann: Nicht nur durch eine steigende Zahl von Verzweiflungs-Suiziden, sondern auch durch Auswirkungen um sich greifender Armut auf die Gesundheit.

Wenn das Dilemma in seiner ganzen Grösse und Tragik erkennen, müssen wir uns über andere Meinungen weniger empören.

*  Hierzu der PolitReflex vom 3. Mai 2020: „‚Sterben lassen!‘ – Höchste Zeit, sich dieser Forderung zu stellen.“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Wenn sich am Arbeitsplatz eine Krankheit bemerkbar macht. Zum Beispiel eine Demenz.

Wenn die Leistungsfähigkeit, die Zuverlässigkeit, das Erinnerungs- oder Orientierungsvermögen einer oder eines Mitarbeitenden oder Vorgesetzten allmählich zurückgeht, sind die ersten Reaktionen des Arbeitsumfelds oft ungerecht, kränkend, belastend. Es kann zur Kündigung kommen, bevor an eine medizinische Abklärung gedacht wird. Mit einer Publikation „Demenz und Arbeitsleben“* gibt Alzheimer Schweiz nun Rat, wie Firmen, Arbeitnehmerin, Arbeitnehmer und Angehörige im gemeinsamen Interesse besser mit solchen Schicksalsschlägen umgehen können. Zu wünschen und zu hoffen ist, dass sie bei Firmen und Verbänden auf Interesse stösst, und dass Alzheimer Schweiz in der Folge auf gute Beispiele hinweisen kann.

Weiterlesen »

COVID-19: Zum vorläufigen Verzicht auf gesamtschweizerische Massnahmen.

Wieder einmal ist festzustellen, dass Bundesratsbeschlüsse durch den federführenden Departementschef und durch das Kollegium gemeinsam verantwortet werden. Das soll keine Verteidigung Bundesrat Bersets sein, aber ein Hinweis darauf, dass auch jedes andere Mitglied des Bundesrates die Möglichkeit hatte, gesamtschweizerische Massnahmen zu beantragen und für solche zu stimmen.

Weiterlesen »

Nutzen wir die Chance für gute, kooperative Generationenbeziehungen

Aus dem Credit Suisse Jugendbarometer 2020*: „Obwohl noch Jahrzehnte von der Pension entfernt, sehen Junge in der Schweiz die Zukunft der Altersvorsorge als das grösste Problem des Landes an. Die aktuelle Krisensituation, so die Wahrnehmung der Jungen, hat den Reformdruck bei der Altersvorsorge noch verstärkt – rund die Hälfte der Befragten nennt dieses Problem. An zweiter und dritter Stelle auf der Sorgenliste folgen die Bewältigung der Corona-Pandemie und der Umwelt- und Klimaschutz.“

Weiterlesen »