Die Migration beziehungsweise Zuwanderung, ein von der SVP intensiv bewirtschafteter Dauerbrenner der Schweizer Politik, ist gegenwärtig einmal mehr in aller Munde. Und dies nicht nur in der Schweiz, sondern auch weltweit. Das Thema entscheidet Wahlen und verhilft den rechtspopulistischen Parteien überall zum Erfolg. Im Bemühen, abseits der Aufgeregtheiten des Alltags Hintergründe zu liefern, liess die Integrationsfachstelle Region Schaffhausen Integres in Zusammenarbeit mit dem Historischen Verein des Kantons Schaffhausen die Migrationsgeschichte des Kantons seit dem Zweiten Weltkrieg aufarbeiten. Die Integres, im Herbst 1972 unter dem Namen Schaffhauser Kontaktstelle Schweizer–Ausländer gegründet, leistet als Vermittlerin in einem bedeutenden Spannungsfeld eine enorm wichtige Arbeit.
Projekt mit Pioniercharakter
«Mit diesem Projekt leistet Schaffhausen Pionierarbeit, handelt es sich doch um die erste breit konzipierte Studie zur Migration in einem einzelnen Kanton», schreibt Markus Späth in der Einleitung der Publikation, die als Band 97 der «Schaffhauser Beiträge zur Geschichte» erschienen ist (https://www.chronos-verlag.ch/node/28966). Im ersten Beitrag («Menschen haben keine Wurzeln, Menschen haben Füsse») liefert Kurt Zubler, der langjährige Leiter von Integres, einen Grundlagenartikel zur Schweizer Migrationspolitik. Die «vielfältigen Bemühungen unzähliger engagierter Menschen mit und ohne Migrationshintergrund», die sich seit mehr als 50 Jahren in der Region Schaffhausen für ein «kooperatives Miteinander und für eine erfolgreiche Integration» einsetzen, stehen im Zentrum von Andreas Schiendorfers Artikel über die Geschichte von Integres. Mark Wüst präsentiert die Zahlen zur demografischen Entwicklung des Kantons und zeigt, wie die Zuwanderung Schaffhausen demografisch vielfältiger und jünger gemacht hat.
Weitere Artikel befassen sich mit der Asylgeschichte (Kurt Zubler), der Schule als «wichtiger Integrationsmotor» (Markus Späth), der quantitativ wie qualitativ entscheidenden, oft unterschätzten Rolle der Frauen (Bettina Bussinger), der, nach schwierigen Anfängen, Erfolgsgeschichte «Italianità – aus ‹Tschinggen› werden Vorzeigeausländer» (Daniela Palumbo), den für Schaffhausen sehr wichtigen Grenzgängerinnen und Grenzgängern (Jürgen Klöckler) sowie der Migration aus dem einstigen «Vielvölkerstaat» Jugoslawien (René Holenstein), letztlich auch das eine Erfolgsgeschichte. Einen wichtigen Bestandteil des Bandes bilden rund ein Dutzend Porträts von Migrantinnen und Migranten, die zum Teil von einer weiteren Autorin, Ursina Sulzberger Francis, verfasst wurden. Sie geben der Migrationsgeschichte die notwendige persönliche Note und schildern auch die individuelle Wahrnehmung des Integrationsprozesses durch die Porträtierten. Zur Flüchtlingspolitik ist, parallel zum Band, als Sonderbeitrag ein persönlich-politischer Erfahrungsbericht von Markus Plüss erschienen: «Was geschah, als überraschend Asylsuchende über die Schweizer Grenze kamen und in Schaffhausen an die Türe klopften? 45 Jahre im Dienst der Flüchtlinge.»
Der Verfasser dieser Zeilen schliesslich hat sich mit der Frage befasst, wo die Migrantinnen und Migranten zum Einsatz kamen. Die Quellenlage für die einzelnen Branchen ist zwar sehr unterschiedlich, aber es ist klar, dass sowohl die Grosskonzerne Georg Fischer (GF) und Schweizerische Industrie-Gesellschaft (SIG) als auch die Textilindustrie, das Baugewerbe, die Gastronomie, der Detailhandel, die Landwirtschaft und ebenso das Gesundheitswesen ohne ausländische Arbeitskräfte in der Hochkonjunktur bald einmal verloren gewesen wären. Mit einem Ausländeranteil von 23.3% im Jahre 1910 hatte der Kanton Schaffhausen in Sachen Ausländer bereits Erfahrung. In der Stadt Schaffhausen besass ein Drittel der gut 18’000 Einwohnerinnen und Einwohner keinen Schweizer Pass. Von den Schaffhauser Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeitern waren 1911 49% Ausländer (bei Georg Fischer 55%), bei einem schweizerischen Mittel von 22.3%. Darunter befanden sich viele Deutsche, aber bei GF machten schon damals die Italiener ein Viertel der Arbeiterschaft aus. Die beiden Weltkriege und die (neue) Abschottungspolitik der Zwischenkriegszeit liessen diese Anteile schrumpfen. Ab 1945 setzte dann wieder ein starkes Wachstum ein, wobei man lange glaubte, dies sei nur eine vorübergehende Erscheinung.
Gescheiter ins Ausland verlagern
Bei GF (49.8%), der SIG (44.9%) und der CMC (40.9%) machten die Ausländerinnen und Ausländer 1972 zwischen 40 und 50% der Belegschaft aus, wobei die SIG traditionell besonders viele Grenzgänger beschäftigte. Während bei GF und SIG die Deutschen die grösste Gruppe stellten, waren es bei der CMC die Italiener. Bei den Textilfirmen Schoeller Albers, Arova, Internationale Verbandstoff-Fabrik IVF und Schoeller Textil waren die Ausländeranteile noch grösser. Bemerkenswert ist, dass bereits in der Studie einer hochkarätig besetzten Kommission des Bundes, deren Einsetzung im Zusammenhang mit dem Italienerabkommen von 1964 vom Parlament verlangt worden war, der Vorschlag gemacht wurde, doch gescheiter die Betriebe ins Ausland zu verlagern: «In vielen Fällen wäre die Verlegung von Betrieben oder Betriebsteilen ins Ausland eine zweckmässige Lösung. Anstatt die Arbeitskraft aus dem Ausland zu holen und für die ausländische Bevölkerung Wohnungen, Schulen, Spitäler, Verkehrseinrichtungen zu erstellen, sollte in vermehrtem Masse versucht werden, die Arbeit durch Tochter- oder Lizenzbetriebe im Ausland, wo noch Arbeitskräfte verfügbar sind, ausführen zu lassen. Auch könnten Halbfabrikate aus dem Ausland bezogen oder im Ausland veredelt werden.» Die Verlagerungen im grossen Ausmass, die in der Schweiz zahlreiche Industriebrachen hinterliessen, setzten erst viel später ein, wobei es sich dann in erster Linie um Sparmassnahmen (tiefere Löhne) handelte.
Mit dem hohen Grenzgängeranteil des Kantons hängt die Besonderheit zusammen, dass im Kanton Schaffhausen beim Baustellenpersonal nicht die Portugiesen, sondern die Deutschen die grösste Ausländergruppe stellen. Die Italiener wurden, schweizweit, im Bau schon lange vom ersten Platz verdrängt. Im Kantonsspital waren 1966 die Spanierinnen und Spanier die bedeutendste Ausländergruppe. Sie stellten 45.5% des Haus- und Küchenpersonals, vor den Beschäftigten aus Italien und Jugoslawien. Die hie und da beklagte «Germanisierung» bei Ärzten und Pflegepersonal setzte erst später ein. Wenn im Zusammenhang mit der 10-Millionen-Schweiz beim Gesundheitswesen meist nur vom Pflegepersonal die Rede ist, wird ein wichtiger Teil der dortigen Beschäftigten übersehen. Auch sie sind für das Funktionieren von Spitälern und Heimen – und das schon lange – unentbehrlich. Eine eher spezielle Note hatten bisweilen die Probleme, mit denen sich Arbeitgeber und Behörden bei der Rekrutierung im Gastgewerbe konfrontiert sahen. So heisst es im Protokoll einer «Konferenz zur Besprechung von Fragen der Beschäftigung ausländischen Personals im Gastgewerbe» von Anfang 1952, die «unbekannten» Ausländerinnen, die «oft von sehr weit her» kämen, würden «in ihrer Gesamtheit ein äusserst heterogenes Publikum – von der Gutsbesitzerin und Akademikerin über die Tänzerin bis zum beschränkten Bauernmädchen», bilden. Der (fast) ständige Kampf um Arbeitskräfte, Bewilligungen und später Kontingente zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte von Arbeitsmarkt und Migration.
Allgemeine Wohlstandvermehrung
Als Fazit lässt sich der Bericht des Bundesrates zum Volksbegehren der Demokratischen Partei gegen die Überfremdung vom 29. Juni 1967, veröffentlicht im «Bundesblatt» Nr. 33 vom 17. August 1967, zitieren, der mit einer erstaunlich klaren Sprache festhielt: «Das Heer von ausländischen Arbeitskräften hat zu einer raschen Steigerung des Volkseinkommens in der Nachkriegszeit und damit zur allgemeinen Wohlstandsvermehrung beigetragen. Hand in Hand mit dieser Entwicklung vollzog sich für viele Schweizer der berufliche Aufstieg mit einer tief greifenden Wandlung der Berufsstruktur. Immer mehr Schweizer fanden höhere Stellungen oder Beschäftigung im Dienstleistungssektor und überliessen die schweren, unangenehmen, schmutzigen und weniger gut bezahlten Arbeiten den Ausländern.» Das gilt nach wie vor, wobei sich die Zuwanderung mit dem Strukturwandel der Wirtschaft aber ebenfalls verändert hat. Im Zuge der Verlagerung von der Industrie zum Dienstleistungssektor und der Ansiedlung von zahlreichen internationalen Konzernen im steuerlich attraktiven Kanton sucht man inzwischen verzweifelt Fachkräfte und Spezialisten, und an die Stelle der Unterschichtung, welche den Schweizer Arbeitnehmenden Aufstiegsmöglichkeiten eröffnete, ist teilweise eine Überschichtung getreten. Nach wie vor wandern auch viele Arbeitskräfte mit geringer oder mittlerer Qualifikation ein, die im Dienstleistungsbereich, in Pflege und Gastronomie oder im Baugewerbe zum Einsatz kommen.
«Die vorliegende Schaffhauser Migrationsgeschichte ist viel mehr als historische Dokumentation», stellt in ihrem Grusswort Sahana Elaiyathamby, Vorstandsmitglied von Integres und Direktbetroffene, fest. «Sie ist ein lebendiges Zeugnis von 50 Jahren Kontaktstelle und Integres. Sie berichtet von unzähligen Menschen und ihren Geschichten, von Herausforderungen und Erfolgen, von gesellschaftlichem Wandel und menschlichem Mut. Sie erzählt von Migration in all ihren Facetten: von Arbeitsmigration, von Flucht, von Integration und Identität. Von Menschen, die hier Wurzeln schlagen, aber auch von denen, die sich fremd fühlen oder ihren Platz noch suchen.»
* Adrian Knoepfli, geb. 1948, arbeitet als Wirtschaftshistoriker in Zürich. Publikationen unter anderem über Alusuisse, Georg Fischer, Saurer, Feller, das Elektrizitätswerk des Kantons Schaffhausen, die Gemeinnützige Gesellschaft Schaffhausen und das Zürcher Hallenstadion. Mitautor des Wirtschaftskapitels der Schaffhauser Kantonsgeschichte, der Stadtgeschichte Stein am Rhein und der Winterthurer Stadtgeschichte. Adrian Knoepfli verfasste auch die Doppelbiografie „Roshardt und Roshardt. Zwei Leben für die Kunst“ (Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2023).
** Schaffhauser Migrationsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. Schaffhauser Beiträge zur Geschichte Bd. 97/2025. Hrg. vom Historischen Verein des Kantons Schaffhausen in Zusammenarbeit mit der Integrationsfachstelle Region Schaffhausen Integres, Schaffhausen 2025.