Das Réduit National wurde in der Nachkriegszeit zum Inbegriff des Verteidigungswillens der Schweiz und des entscheidenden Beitrags der Armee zur Verhinderung einer Besetzung durch Wehrmacht und SS. Für Gegner einer kooperativen Verteidigungs-Vorbereitung der Schweiz mit Nato und EU ist eine Réduit-Strategie – ausgesprochen oder unausgesprochen – die Strategie, die ihrem Verständnis der Neutralität entspricht.
Allerdings befahl General Guisan den Bezug des Réduits nicht aus neutralitätspolitischem Grund. Im Gegenteil: Im Wissen, dass schon damals eine Kleinstaatsarmee gegen eine Grossmachtsarmee einen Kampf ab Landesgrenze auf verlorenem Posten geführt hätte, bereitete er mit der französischen Armee detailliert eine gemeinsame Abwehr vor. Wer gemeinsame Verteidigungsvorbereitung der Schweiz mit Nato und EU ablehnt, fällt deshalb hinter den verehrten General Guisan zurück. Das Réduit musste bezogen werden, nachdem Frankreich 1940 vor Hitler kapituliert hatte.
Die Gegnerschaft der Verteidigungskooperation muss aber einen Schritt weitergehen: Sie muss sich mit einer Réduit-Strategie exponieren, die von Kriegsbeginn an umzusetzen wäre, und nicht erst nach dem allfälligen Ausfall einer verbündeten Macht, denn mit einer solchen darf sich die Schweiz nach dem Willen der Neutralitäts-Initianten schon gar nicht vorbereiten.
Also: Réduit-Strategie für das 21. Jahrhundert?
Vorab ist an die Kehrseiten zu erinnern, die schon diejenige Guisans und des damaligen Bundesrates hatte. Ausserhalb des Réduit-Raumes wäre die Schweiz durch Wehrmacht und SS besetzt worden. Die Nazis hätten den Bundesrat in seinem Réduit durch Retorsionsmassnahmen gegen die Zivilbevölkerung im besetzten Raum unter Druck gesetzt. Wer gekonnt hätte, wäre ins Réduit geflohen – zwischen Armee und Zivilbevölkerung wäre es im Réduit sehr eng geworden, wohl auch zum Nachteil der operativen und taktischen Handlungsfreiheit der Truppe. Und viele Soldaten im Réduit hätten um ihre Angehörigen gebangt, die ausserhalb des Réduits geblieben wären.
Dazu kommt nun die militärische Beurteilung einer Réduit-Strategie für das 21. Jahrhundert. Zu diskutieren ist, wie sich die modernen Waffen und Waffensysteme, die auch die Vorbereitung einer Verteidigung ab Landesgrenze bestimmen, spezifisch auf das Réduit-Szenario auswirken: Beschuss mit Raketen und Drohnen auf viel grössere Distanz als im Zweiten Weltkrieg. Könnten die weit entfernten Waffenstellungen aus dem Réduit heraus wirksam bekämpft werden? Wohl kaum. Dazu kommen die Cyber-War-Instrumente, welche die Führung der Truppe im Réduit erschweren würde. Und wiederum die Erpressung der Réduit-Schweiz durch Massnahmen gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Landesteilen.
Aus dem ausführlichen Bericht der NZZ unter dem Titel „Zurück im Kalten Krieg“: „«Ich habe meine Zweifel, ob diese rückwärtsgewandten Ansätze immer das richtige Mittel sind», sagt der Urner FDP-Ständerat Josef Dittli. Bevor unkoordinierte Sofortmassnahmen lanciert würden, müsse der Bundesrat ein Zielbild und eine darauf abgestimmte strategische Ausrichtung einer verteidigungsfähigen Armee erarbeiten. Das Parlament hat eine entsprechende Motion von Dittli überwiesen. Der neue Verteidigungsminister Martin Pfister ist nun verpflichtet, ein Konzept zur weiteren Ausrichtung der Armee vorzulegen.“
Gut so. Und für die Neutralitäts-Initianten wird es zum Gebot der Glaubwürdigkeit, sich mit einer Réduit-Strategie zu exponieren.
Ein Kommentar
Ich will die Reduit-Strategie von Guisan nicht kritisieren. Doch heute wäre sie vermutlich wenig tauglich. Wir haben bekanntlich eine Milizarmee. Die Verteidigungsbereitschaft der Armeeangehörigen wäre vermutlich minim, da sie wissen, dass ihre Angehörigen hilflos den Gewaltaten der Besetzer der übrigen Schweiz ausgeliefert wären. Die Verweigerung einer Zusammenarbeit mit der Nato bzw. andern europäischen Nation aufgrund eines überholten bzw. falsch verstandenen Neutralitätsbegriffs durch die SVP kann nur als nachgerade dumm und völlig realitätsfern bezeichnet werden. Passt aber zur Putin- und Orban-Begeisterung gewisser Parteiexponenten, denen offensichtlich immer noch ein Grossteil der Parteiführung und -anhänger widerspruchsvoll folgen. Vaterlandsliebe sieht anders aus!