Verbrecherische Politik und Kriegsverbrechen in der Vergangenheit – eine Auswahl:
Gaius Julius Caesar, der erste Imperator des römischen Weltreichs, war ein Kriegsverbrecher – wohl der erfolgreichste aller Zeiten. Dass nicht alle Römer für seine Verbrechen mitverantwortlich waren, zeigt das Beispiel eines grossen Opponenten, des republikanischen Senators, Philosophen und Autors Marcus Tullius Cicero.
Frankreich trug wesentlich zur Aufklärung bei und brachte Europa die Republik – in einer brutalen Revolution -, um kurz danach der Diktatur Napoleon Bonapartes zu verfallen. Dieser überzog Europa mit Krieg, bis hin zum selbstzerstörerischen Russlandfeldzug. Die Begeisterung vieler Franzosen für Napoleon – auch noch nach dem Ende seines Erfolgs – verewigte Heinrich Heine im pathetischen Gedicht „Die Grenadiere„, vertont von Schumann und Wagner. Es war eine Begeisterung, die anfänglich auch von aufklärerisch und liberal gesinnten Europäern ausserhalb Frankreichs geteilt wurde.
Wenn wir nun zu Grossbritannien und zu den USA kommen, bekunden wir vorab Hochachtung und Dankbarkeit dafür, dass sie – notabene zusammen mit der Sowjetunion – im Zweiten Weltkrieg Nazis, Faschisten und den japanischen Imperialismus geschlagen haben. Es zeichnet sich ab, dass ein und dasselbe Volk in seiner Geschichte einmal heldenhaft, einmal verbrecherisch auftreten kann.
Von Grossbritannien greifen wir die Opiumkriege gegen China heraus. Heute unvorstellbar – und schon damals in Grossbritannien sehr umstritten: Britische Truppen öffnen das (auch militärisch) rückständige, durch die letzten Mandschu-Kaiser schlecht geführte China für Opiumhändler. Kurz danach wird man sich in Grossbritannien über chinesische Opiumhändler empören. – Der Burenkrieg in Südafrika, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wurde von beiden Seiten brutal geführt. Die Briten schufen Konzentrationslager. – In den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts erprobte die britische Luftwaffe den Bombenkrieg gegen arabische Zivilbevölkerung.
Und die USA? Wir stimmen nicht in die „antiimperialistische“ Pauschalkritik ein. Die USA haben Kräfte bekämpft – und tun es noch -, die auch für das demokratisch-rechtsstaatliche Europa gefährlich waren und sind. Und Europa konnte nach dem Zweiten Weltkrieg keine militärische Verteidigungsmacht aufbauen, die ohne die NATO und damit ohne die USA auskäme. Aber die USA haben schwere Fehler begangen – von Vietnam bis Afghanistan – und ihre Truppen und Geheimdienste begingen auch Verbrechen. Einige davon haben US-Gerichte selbst geahndet. So wurde der Leutnant, der für das Massaker von My Lai verantwortlich war, verurteilt, aber später durch Präsident Richard Nixon begnadigt. – Umstritten wird bleiben, ob der Abwurf der zweiten Atombombe, auf die Stadt Nagasaki, strategisch, vom Ziel der sofortigen Kapitulation Japans her, noch begründbar war.
Über Verbrechen europäischer Mächte in den Kolonien wäre viel zu sagen – leider für einmal auch über eine Mittelmacht: Belgien unter König Leopold II.
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Gibt es in der Schweizer Geschichte Anzeichen für Anfälligkeit auf verbrecherisches Handeln? Ist die Schweiz immun gegen das Verbrecherische? Stichwortartig sei auf das Söldner-Unwesen hingewiesen: Schweizer Söldnerführer schwangen sich zu fürstlichen Existenzen auf. Söhne armer Bauernfamilien fielen in Kriegen oder kehrten irgendwann an Leib und Seele zerstört nach Hause. Fürchterliches wird berichtet über den Kampf zwischen Schweizer Söldnern, wenn sie in feindlichen Reihen aufeinander trafen.
Die Beurteilung der Politik der Schweiz vor und während dem Zweiten Weltkrieg wird immer umstritten bleiben. Richtig war, dass sie in erster Linie die Besetzung durch Nazideutschland verhindern wollte. Der unablässige Streit geht darum, ob alle Massnahmen, die sie hierfür traf, notwendig und vertretbar waren. Auch andere Kontroversen werden geführt, wie etwa über schweizerische Mitverantwortung am Sklavenschicksal.
Mit Blick auf Kleinstaaten ist auch an die ironische Mahnung zu denken: „Vermeide nie mit Sittsamkeit / Den Mangel an Gelegenheit“.
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Es gibt keine schlechthin bösen Völker, und leider wohl auch keine, die vor verbrecherischen Entwicklungen gefeit sind. Deutschland hat nach der Naziherrschaft einen demokratischen Rechtsstaat aufgebaut. Frankreich und Deutschland haben sich zu einem Stabilitätsfaktor für Europa zusammengefunden.
Russland war noch nie ein demokratischer Rechtsstaat. Es ist verständlich, wenn Putin und seine Herrschaft nun als Emanation des „Bösen“ schlechthin betrachtet werden, nicht erst wegen dem Angriff auf die Ukraine, sondern auch wegen der repressiven, totalitären Entwicklung in Russland selbst, bis hin zu Morden und Mordversuchen, die aus dem Kreml angeordnet wurden. Aber – bei all meiner Übereinstimmung mit der Empörung über Aggression und Verbrechen Putins und seiner Truppen: Dieses Urteil auf das Volk zu übertragen, und sogar sein Kulturgut, seine Literatur, seine Musik, seine Kultur zu verwerfen, ist falsch, und, wie hier darzulegen versucht wurde, auch historisch nicht haltbar. Es ist fatal, aus einer solchen Haltung heraus Forderungen zu stellen, die darauf hinauslaufen, dass Russland keine Zukunft in der Völkergemeinschaft mehr haben dürfe und werde. Vielmehr ist es im Interesse einer neuen, auf Recht basierten Friedensordnung, Russland eine Zukunftsperspektive zu geben, falls es sich von der totalitären, nach aussen aggressiven Diktatur befreien kann.
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Nachtrag (3.12.2022):
Auch Serbien ist ein Anwendungsfall der Frage, ob es – bei historischer Betrachtung – böse und gute Völker gebe. Hierzu sei dieser Artikel von Georg Häsler empfohlen:
„Schweiz – Serbien: Es ist gar nicht so kompliziert“ (NZZ 3.12.2022, Link).
Auszug:
„(…) Zu Serbien pflegte die Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein besonders inniges Verhältnis. Der junge Bundesstaat identifizierte sich mit der serbischen Widerstandskraft gegen das Habsburgerreich. «Für uns sind die Serben keine ‹Bande›, sondern ein Volk», sagte Carl Spitteler 1914 in seiner Rede über den Schweizer Standpunkt im Ersten Weltkrieg. Archibald Reiss, Kriminologe aus Lausanne, untersuchte 1915 im Auftrag der serbischen Regierung österreichische Kriegsverbrechen und wird in Serbien heute noch hoch verehrt.
Erst mit den Kriegen in den 1990er Jahren erhielt das Land die Täter-Etikette. Die einstige Bewunderung schlug in Verachtung um. Unter der Ägide von Micheline Calmy-Rey forcierte der Bundesrat schliesslich die Abspaltung Kosovos von Serbien und positionierte sich klar auf der albanischen Seite. (…)“