Es muss angenommen werden, dass Hitler den Krieg gewonnen hätte, wenn die USA ihre Neutralität nicht rechtzeitig aufgegeben hätten. Und später wäre Stalins wohlbegründete Forderung an die Westmächte, eine zweite Front zu eröffnen (Link), also Wehrmacht und SS im Westen anzugreifen, um die Sowjetunion zu entlasten, ohne Beteiligung der USA unerfüllbar gewesen.
Die erste Phase der militärischen Unterstützung Grossbritanniens ist vergleichbar mit dem bisherigen Verlauf des Verteidigungskrampfs der Ukraine. Der britische Premierminister Winston Churchill bat noch nicht um Truppen, sondern um Waffen: Um Kriegsschiffe, vor allem der Zerstörer-Kategorie. Die britische Rüstungsindustrie lag in Produktionsrückstand. Hitlers Marine, vor allem mit ihren U-Booten, wurde zur existenziellen Bedrohung Grossbritanniens.
Aus einem Schreiben Churchills an US-Präsident Franklin D. Roosevelt vom 31. Juli 1940:
„Nun ist es sehr dringlich geworden, dass Sie uns die Zerstörer, Motorboote und Flugboote überlassen, um die ich Sie gebeten habe. Die Deutschen beherrschen die ganze französische Küste, von der aus sie Angriffe mit U-Booten und Sturzbombern gegen unsere Handelsrouten und unsere Nahrungszufuhren richten können, und überdies müssen unsere Seestreitkräfte ständig bereit sein, die drohende Invasion in den Kanalgewässern zurückzuschlagen und feindliche Durchbrüche von Norwegen aus gegen Irland, Island, die Shetland-Inseln und die Färöer zu vereiteln. Zudem müssen wir noch die Ausgänge aus dem Mittelmeer bewachen und, wenn möglich, dieses Binnenmeer selbst beherrschen, damit der Krieg nicht ernstlich nach Afrika übergreift.
Wir haben zahlreiche Zerstörer und U-Bootjäger auf Kiel, aber die nächsten drei oder vier Monate lassen die Lücke offen, von der ich Ihnen bereits berichtet habe. In der jüngsten Vergangenheit sind die Luftangriffe auf unsere Schiffahrt verheerend gewesen. In den letzten Tagen wurden uns die nachgenannten Zerstörer versenkt: ‚Brazen‘, ‚Codrington‘, ‚Delight‘, ‚Wren‘, und die folgenden beschädigt: ‚Beagle‘, ‚Boreas‘, ‚Brilliant‘, ‚Griffin‘, ‚Montrose‘, ‚Walpole‘, ‚Whitshed‘ – insgesamt elf. Und all dies am Vorabend eines möglichen Invasionsversuchs! Zerstörer sind Luftangriffen furchtbar ausgesetzt, und dennoch müssen sie in der Operationszone der feindlichen Bomber patrouillieren, um eine Landung von See her zu verhindern. Die gegenwärtigen Verluste können wir nicht lange ertragen, und wenn wir keine wesentlichen Verstärkungen erhalten, dann kann der Ausgang des Krieges durch diesen an sich geringfügigen und leicht zu behebenden Mangel entschieden werden. (…)
Ich beginne grosse Hoffnungen auf den Ausgang dieses Krieges zu schöpfen, wenn wir nur die nächsten drei oder vier Monate überstehen können. Die Luftwaffe hält sich gut. Wir treffen den Gegner hart, indem wir sowohl seine Angriffe zurückschlagen wie auch Deutschland bombardieren. Doch unsere Zerstörerverluste durch Luftangriffe können sehr wohl so ernst werden, dass die Verteidigung unserer Zufuhren und unserer Handelsstrassen im Atlantischen Ozean darunter zusammenbrechen müsste. (…)“ (Zitiert aus Winston Churchill: „Der Zweite Weltkrieg“, Band 2, zweites Buch, in deutscher Übersetzung als Lizenzausgabe erschienen bei Neue Schweizer Bibliothek, S. 105 f.)
Nach langwierigen Verhandlungen konnte Churchill dem Unterhaus am 5. September 1940 melden, dass die USA Grossbritannien 50 Zerstörer überliessen (Churchill, a.a.O., S. 120f.).
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Es fiel Präsident Roosevelt nicht leicht, den Entscheid zur Aufgabe der Neutralität zu fällen und durchzusetzen. Und bis heute ist mit starken isolationistischen Kräften in den USA zu rechnen. Die erste Präsidentschaft Donald Trumps liess dies deutlich erkennen. Es bleibt deshalb eine Daueraufgabe der europäischen Demokratien, ihre militärische Abhängigkeit von den USA zu vermindern.
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Wenn der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg Hitlers Sieg verhinderte, so verdankt ihm auch die Schweiz, von Krieg und Besetzung verschont geblieben zu sein. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerte man sich in der Schweiz an ein deutsches Soldatenlied, in dem es hiess: „Die Schweiz, das kleine Stachelschwein, das nehmen wir beim Rückzug ein“ (Link). Hätten Wehrmacht und SS nach siegreichem Kriegsverlauf die Kapazitäten dafür freigehabt, hätte Hitler zweifellos befohlen, die Schweiz „heim ins Reich“ zu holen. Dies erwarteten jedenfalls der Dichter und die Sänger dieses Lieds.