Sie befinden sich hier:

Aus aktuellem Anlass: Franz von Papen, Hitlers Steigbügelhalter

Nein, die AfD ist nicht die NSDAP. Denn vorab: Die Umstände sind nicht so. Die AfD kann keinen Revanchismus mobilisieren, sie hat kaum kriegserprobte Soldaten in ihren Reihen. Aber je nachdem, wie sie sich entwickelt, können diese andern Umstände zum Hauptunterschied werden. – Wer die AfD und ähnliche Kräfte in anderen Ländern umarmen möchte, sei rechtzeitig an Franz von Papen erinnert, der glaubte, Hitler durch Unterstützung zähmen zu können. Das Nürnberger Tribunal sprach ihn frei, aber vor der Geschichte trägt er eine schwere Verantwortung.

Aus Wolfgang Elz‘ Rezension der Biografie „Franz von Papen. Ein deutsches Verhängnis“, erschienen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 29.12.1995 (Link):

„Das Konzept der hinter Papen stehenden rechten Kreise sah die „Einrahmung“ oder die „Zähmung“ Hitlers und seiner Partei vor, also deren Abnutzung in der Regierungsverantwortung bei gleichzeitiger Kontrolle durch die rechtskonservative Mehrheit des Kabinetts, dem Papen als Vizekanzler angehörte. Sehr schnell zeigte sich jedoch, daß dieser Plan auf völlig falschen Annahmen beruhte. (…)

Der (…) Schlag Hitlers gegen den angeblichen „Röhm-Putsch“ beendete alle Spekulationen über und Forderungen nach einer „zweiten Revolution“. Gleichzeitig markierte er jedoch praktisch auch den Endpunkt des konservativen Einflusses auf Hitler. Papen selbst wurde für einige Tage unter Arrest gesetzt, und zwei seiner Mitarbeiter, darunter Edgar Jung, der Verfasser der Marburger Rede, wurden von den Schergen Hitlers ermordet. Dennoch brach Papen nicht mit dem „Führer“ und korrumpierte sich spätestens jetzt auch moralisch. (…)

Im Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde er zwar freigesprochen, im anschließenden Spruchkammerverfahren jedoch zu achtjähriger Lagerarbeit, Konfiskation seines Vermögens und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. 1949 wurde auch diese Strafe abgemildert, so daß Papen als freier Mann die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens als publizistisches Irrlicht gegen die Westeinbindung der Bundesrepublik agieren konnte. Mit der Veröffentlichung von zwei Memoirenbänden demonstrierte er seine geringe Selbsterkenntnis, wie sehr er Mitverantwortung trug für das nach 1933 Geschehene und wie sehr er im Gegensatz zu seiner Selbsteinschätzung, er habe immer nur Schlimmeres verhüten wollen, stets lediglich ein Instrument Hitlers gewesen ist, der ihn dort einsetzte, wo er statt brutaler Gewalt den charmanten, weltläufigen Causeur Papen als Camouflage für seine Pläne benutzen konnte.“

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Könnte Putin dem Beispiel folgen, das US-Präsident Harry Truman gab?

Nachdem ukrainische Truppen Städte zurückerobert haben, fordern empörte Russen bei „Telegram“ einen „nuklearen Angriff auf die westliche Ukraine, um sie zu einer Kapitulation zu zwingen“ („NZZ am Sonntag“, 11.9.22, S. 1). Zwang zur Kapitulation – das war das Ziel, das US-Präsident Harry Truman verfolgte, als er befahl, auf Hiroshima und Nagasaki Atombomben abzuwerfen.

Weiterlesen »

Lesetipp bei wachsender Kriegsgefahr: George Orwell, „Reise durch Ruinen“.

„Reportagen aus Deutschland und Österreich“: 1945 berichtete der britische Schriftsteller George Orwell als Journalist, während der Krieg noch im Gang war. – Ein nächster Grosskrieg wäre nicht wie der letzte. Wahrscheinlich wäre er noch vernichtender, vor allem wenn Atomwaffen eingesetzt würden, auch wenn es „nur“ atomare Gefechtsfeldwaffen wären. Trotzdem sollten wir uns angesichts wachsender Grosskriegsrisiken vor Augen zu führen, was die Zivilbevölkerung durch den Zweiten Weltkrieg erlitt – im Bewusstsein, dass sie durch einen nächsten Grosskrieg noch härter getroffen werden könnte.

Weiterlesen »