Versetzt man sich in die Lage eines russischen Soldaten oder Kommandanten in der Ukraine, ist klar: Wenn er erwartet, dass moderne westliche Kampfpanzer den Kriegsverlauf wieder zugunsten der Ukraine wenden, muss er von Putin verlangen, zu verhindern, dass diese Panzer in der Ukraine ankommen: Dass er sie ausserhalb der ukrainischen Grenzen bekämpfen und vernichten lässt.
Dann wird sich zeigen, ob Putin die russische Armee für fähig hält, den Krieg auf das Territorium der NATO auszuweiten: Die Panzerkonvois mit Raketen, Bomben, eigenen Panzern anzugreifen, bevor sie die polnische oder rumänische Grenze zur Ukraine überqueren. Wird die russische Armee sodann die Konsequenzen tragen können, wenn sie in der NATO den Bündnisfall auslöst? Sollte Putin dies militärisch nicht für machbar erachten, könnte er unter massiven Druck von Hardlinern geraten und durch diese gestürzt werden, wenn Armeeführung und Geheimdienste seinen Sturz zulassen oder nicht verhindern können.
Aus strategischer und militärhistorischer Sicht stellt sich zudem die Frage nach der Eröffnung einer zweiten Front. Hier steht aktuell ein Angriff von Weissrussland her im Vordergrund, allenfalls auch ein Angriff auf Moldawien. Eher unwahrscheinlich scheint ein baldiger Angriff gegen einen baltischen Staat, um die NATO zu einer Verlagerung ihrer Mittel zu zwingen.
Die Frage, was die russische Armee kann, stellt sich jedoch in längerfristiger Perspektive anders. Wenn der Eindruck zutrifft, dass sie sich im Ukraine-Krieg überraschend schlecht bewährte und durch diesen weiter geschwächt wurde – wird sie sich regenerieren, wird sie Konsequenzen in Führung und Ausbildung ziehen können, wenn sie dafür Zeit bekommt durch ein Einfrieren der Fronten oder durch einen Waffenstillstand? Wird sie schon bald oder in ein paar Jahren fähig sein, neue Ziele anzugreifen, die ihr Putin oder seine Nachfolger setzen?
Die Beurteilung der aktuellen und künftigen Kampfkraft der russischen Armee scheint weit auseinanderzugehen. Aktuell scheinen viele Beobachter die Ukraine für fähig zu einem eigentlichen militärischen Sieg über Russland zu halten, sobald sie alle Waffen bekommt, die sie anfordert. Polen, Baltikum, Schweden, Finnland trauen der russischen Armee aber zumindest mittelfristig noch zu, sie anzugreifen.