Sie befinden sich hier:

Wie soll man sich heute Krieg in Europa vorstellen?

Krieg in Europa wird immer wahrscheinlicher. Wie soll man ihn sich vorstellen? Die Wissenschaft hätte viel darüber zu sagen, aber das wird journalistisch kaum abgefragt. Liessen die Corona-Erfahrungen die Angst vor dem Vorwurf der „Panikmache“ übermächtig werden?

Klar, wir sahen Filme wie „Der längste Tag“ oder „Saving Private Ryan“ – mindestens so wäre Krieg wohl auch heute. Wir können Zweiten Weltkrieg, Bombenkrieg googeln. Aber seither wurde nuklear hochgerüstet. Das bedeutet wohl nicht primär, dass atomare Massenvernichtungs-Angriffe auf Städte und Grossagglomerationen sehr wahrscheinlich geworden sind – obwohl: US-Präsident Harry Truman, der den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki befahl, war nicht wahnsinnig, sondern ebenso rational wie die Führer der heutigen Atommächte.

Zu rechnen ist vielmehr mit dem Einsatz sogenannter atomarer Gefechtsfeldwaffen. Welche Kollateralschäden würden sie verursachen? Wie weit würden sie verstrahlen? Sollen wir uns solchen Fragen verschliessen, weil sie der Drohpropaganda Putins Vorschub leisten könnten?

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gab es eine Denkrichtung, wonach ein Grosskrieg im Atomzeitalter gar nicht mehr führbar wäre und zur Vernichtung der Menschheit führen könnte. Nun kann Westeuropa vor den Entscheid gestellt werden, dem Führer einer Atommacht, der Krieg für führbar hält und vielleicht die militärische Kontrolle über weite Teile des Kontinents anstrebt, militärischen Widerstand zu leisten. Es kann nicht sein, dies auszuschliessen. Aber aus mangelndem Bewusstsein, mangelnder Information, wie Krieg heute geführt würde, Erfordernisse und Möglichkeiten des friedenspolitischen Interessenausgleichs zu missachten, wäre ebenso fatal.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Schweiz-EU: Wenn es eine Volksinitiative braucht…

Das Initiativrecht ist kein Privileg der Abschotter und Abschotterinnen. Sonst wäre der Beitritt der Schweiz zur UNO nicht durch die Annahme einer Volksinitiative herbeigeführt und die Staatsvertragsinitiative der AUNS nicht hochkant verworfen worden. Aber wenn es sich bestätigt, dass es eine Volksinitiative braucht, um den ungehinderten Zutritt zu kontinentaleuropäischen Märkten und die Mitwirkung der Schweiz an der europäischen Forschungskooperation zu sichern, ist dies kein Ruhmesblatt für das politische System unseres Landes.

Weiterlesen »

Corona-Spannungen mit Nachbarländern – europapolitisch betrachtet.

Wie würden sich die Corona-Spannungen mit Nachbarländern auswirken, wenn in der Schweiz am 7. März 2021 über das Institutionelle Rahmenabkommen (InstA) abgestimmt würde, zusätzlich zu Burkainitiative, elektronischen Identifizierungsdiensten und Wirtschaftsabkommen mit Indonesien? Man neigt vielleicht zur Antwort: In vielen Proteststimmen gegen das InstA. Aber so sicher ist das nicht.

Weiterlesen »

Europa vor Bidens Führungsanspruch und Zusammenarbeitswillen.

Die Beziehung zwischen Europa und den USA wird wahrscheinlich rationaler und zivilisierter. Dafür spricht der Zusammenarbeitswille des neuen US-Präsidenten, durch den er sich von Trump abgrenzt. Aber dem Führungsanspruch der USA, den er gleichzeitig erhebt*, muss sich Europa durch geschickte Realpolitik und Stärkung der eigenen Kräfte bestmöglich entziehen. Die darin angelegte Entwicklung betrifft auch die Schweiz.

Weiterlesen »