Sie befinden sich hier:

Appelle aus der Schweiz für militärische Bereitschaft, militärischen Widerstand

Die Empörung über Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine wächst weiter. In der Folge sind Appelle und Kritik aus der Schweiz an die NATO und ihre Mitgliedsländer zu vernehmen, die militärische Bereitschaft zu erhöhen, die Ukraine militärisch stärker zu unterstützen und sich auf einen Übergriff Russlands auf NATO-Gebiet vorzubereiten. Dies ist verständlich, und neutralitätsrechtlich ist es problemlos, denn die Schweiz hat eine Verpflichtung zu Gesinnungsneutralität ihrer Einwohnerinnen und Einwohner immer abgelehnt, zum Beispiel auch gegenüber dem Dritten Reich. Aber es stellt sich eine Konsequenzfrage.

Zwar wächst das Verständnis dafür, dass die Schweizer Armee aus zwingenden waffentechnischen Gründen vermehrt mit der NATO zusammenarbeiten muss. Schon General Guisan und der Bundesrat der Dreissiger und Vierziger Jahre wussten, dass eine erfolgreiche militärische Verteidigung der Schweiz ab Landesgrenze gegen eine Grossmachtsarmee nur mit Unterstützung einer anderen Grossmacht erfolgreich möglich ist. Deshalb bezog das Gros der Armee nach der Kapitulation Frankreichs das Alpenréduit.

Aber wenn Russland die baltischen Staaten oder Polen angreifen würde, würden Truppen aus unseren Nachbarländern,  anderen europäischen Staaten und aus Übersee der NATO-Bündnispflicht nachkommen: Sich an der Verteidigung des angegriffenen Landes beteiligen und Blutzoll zahlen. Hingegen würde kein einziger Schweizer Soldat, keine einzige Schweizer Soldatin die Schweiz verlassen, um sich an der Abwehr der russischen Aggression zu beteiligen. Vorläufig ist anzunehmen, dass dieser Kerngehalt der schweizerischen Neutralität von einer Mehrheit der Schweizer Bürgerinnen und Bürger hochgehalten wird.

Es ist nicht selbstverständlich, dass die NATO und ihre Mitgliedstaaten bereit sind, mit einem Land, das sie im Angriffsfall nicht unterstützen würde, militärisch zusammenzuarbeiten und sich auf den Schutz dieses Landes im Angriffsfall vorzubereiten. Die Schweiz ist neuerdings wenigstens bereit, an „European Sky Shield“ mitzuwirken: Am gemeinsamen Schutz vor Luftangriffen, insbesondere über grosse Distanzen, im Bewusstsein, dass die Unmöglichkeit einzel-kleinstaatlicher Verteidigung auf dieser Ebene besonders augenfällig ist.

Kritik an Mängeln, Rückständen und Zurückhaltung in NATO-Staaten mag berechtigt sein, und sie wird auch in den betroffenen Ländern selbst geübt und debattiert. Aber wer aus der Schweiz heraus solche Kritik übt, muss sich fragen, ob er dies weiterhin mit historisch und mythologisch basierter Schein-Selbstverständlichkeit mit einem Neutralitätsanspruch verbinden kann, der Schweizer und Schweizerinnen vor Kriegseinsätzen bewahren soll.

Zu bedenken ist auch, dass die Länder, die Ziel unserer Kritik sind, im 20. Jahrhundert Krieg verursacht und erlitten haben. Wenn es ihnen schwerer fällt als gewissen Schweizern, einem weiteren Europakrieg entgegenzusehen, sollten wir Schweizer und Schweizerinnen hierfür Verständnis aufbringen können – auch aus Dankbarkeit für das schweizerische Geschick, vor zwei Weltkriegen verschont geblieben zu sein.

Es ist aber festzustellen, dass die Widerstandsbereitschaft in Westeuropa wächst, und damit auch die Bereitschaft, der Möglichkeit eines Europakriegs entgegenzusehen. Die Alternative, dem Imperialismus von Putins unmenschlicher Diktatur die Bahn frei zu machen, wird von wachsenden Teilen der demokratisch-europäischen Öffentlichkeit und Politik als unerträglich erachtet.

Christoph Blocher und die Seinen bescheren der Schweiz eine Volksabstimmung über eine „Neutralitätsinitiative“ – und damit Gelegenheit, dies in der nötigen Breite und Tiefe zu diskutieren.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Wird Grossbritannien zum Leader für Staaten und Kräfte, die ein anderes Europa wollen?

Nach der klaren Bestätigung des Brexit durch die Wählerinnen und Wähler stellt sich die Frage, was für eine Europapolitik Grossbritannien entwickeln wird. Sicher ist nur, dass das Land damit seine eigenen Interessen verfolgen muss und wird. Londons Rolle in Europa hängt vom ökonomischen Erfolg des Brexit und von der Entwicklung der Beziehungen zu den USA ab.

Weiterlesen »

Wie die Motivation zu Massnahmen gegen Klimaerwärmung geschwächt wird.

Zwei Argumente gegen Klima-Massnahmen. Erstens: Unser Beitrag zum CO-2-Ausstoss ist ja so klein, dass es auf uns nicht ankommt – also weshalb sollten wir uns bemühen oder gar einschränken? Zweitens: Die Erderwärmung und ihre Auswirkungen lassen sich sowieso nicht mehr aufhalten, also konzentrieren wir unsere Energien darauf, mit ihnen leben zu können. Was ist davon zu halten?

Weiterlesen »