Sie befinden sich hier:

EU in der Krise, mit ungewisser Zukunft. Was kann das für die Schweiz bedeuten?

Christoph Blocher ist seit Jahrzehnten davon überzeugt, dass die „Fehlkonstruktion“ EU keine harte Auseinandersetzung mit der Schweiz führen werde. Und wenn die EU trotzdem eine Kraftprobe mit der Wirtschafts- und Finanzmacht Schweiz wagen würde, würde sie sie verlieren. Bekommt er gerade jetzt recht? Wie kann sich die tiefe Krise, in die die EU geraten ist, auf die Entwicklung der Beziehungen der Schweiz zur EU auswirken? Wird sich sich der Verhandlungspartner oder Streitgegner unseres Landes während der Auseinandersetzung grundlegend verändern?

„Die Rede von der Rechts- und Wertegemeinschaft der EU wird mehr und mehr zur Fassade“, überschreibt Peter Rásonyi, Leiter der Auslandredaktion der NZZ, einen am 18.11.2020 erschienenen Kommentar: „Das Powerplay von Ungarn und Polen gegen einen schärferen Rechtsstaatsmechanismus unterwandert die ideellen Grundlagen der EU. Brüssel zieht daraus die falschen Schlüsse“ (Link zum Kommentar).

Auch wenn man dieser Analyse nicht in allen Teilen zustimmt – die EU befindet sich in einer tiefen Krise. Die Entscheidung, sich von autoritär geführten, aktuell die EU blockierenden Staaten zu trennen, fällt ihr begreiflicherweise schwer, denn sie muss damit rechnen, dass diese neue Koalitionen bilden: Mit Grossbritannien, mit allfälligen neugewählten EU-gegnerischen Regierungen in Italien oder Frankreich; Ungarn mit Russland (nicht aber das historisch und gegenwärtig mit Moskau verfeindete Polen) . Schwer vorhersehbar ist das europapolitische Potenzial der weiterhin mächtigen Trump-Republikaner.

Die Krise der EU erleichtert die Vertretung der schweizerischen Interessen, insbesondere die substanziellen Forderungen bezüglich des Institutionellen Rahmenabkommens, nicht unmittelbar. Sie vermindert sowohl die Kapazität als auch die Bereitschaft der Kommission, sorgfältig und entgegenkommend auf die Schweiz einzugehen. „Generalsekretariat und das Kabinett von Ursula von der Leyen haben die Dienststellen angewiesen, alle nicht dringlichen Kontakte mit der Schweiz auf Eis zu legen, bis beim Rahmenabkommen eine Einigung in Sicht ist“ berichtet Stephan Israel am 19.11.2020 im Tages-Anzeiger (S. 7): „Erster Kollateralschaden wäre die Beteiligung am Forschungsprogramm Horizon Europe, wo die Gespräche über eine Assoziierung jetzt eigentlich beginnen müssten, wenn die Schweizer Hochschulen ab nächstem Jahr dabei sein sollen.“ (Link zum Artikel hinter Paywall.)

Gerade wegen ihrer Krise wäre die EU interessiert, ihre Beziehungen zum „Sonderfall Schweiz“ mit seiner direkten Demokratie pfleglich und flexibel weiterzuentwickeln. Die Schweiz ist kein Volk von EU-Gegnern, aber deren Zahl und Einfluss könnte während einer mehrjährigen Kraftprobe, wenn die EU der Schweiz ernste Nachteile zufügen sollte, wachsen. Für eine EU-gegnerische Staatengruppe wäre die Schweiz eine begehrte Partnerin. An Kräften in der Schweiz, die gern eine solche Partnerschaft eingingen, fehlt es nicht. Erinnern wir uns daran, dass die AUNS Nigel Farage einlud. Und der Ressortleiter Europapolitik der SVP, Nationalrat Roger Köppel, pflegt gute Beziehungen zu EU-Gegnern ausserhalb der Schweiz.

Woran ist die Schweiz längerfristig interessiert? An einer Schwächung oder gar am Zerfall der EU? Was wären die Zerfallsprodukte? Rivalisierende Staatengruppen? Entfesselte Nationalstaaten? Eine Kombination von Beidem? Entfesselte Nationalstaaten haben die Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert vor grosse Probleme und Risiken gestellt. Gegenüber rivalisierenden Staatengruppen würden sich heikle Positionierungsfragen stellen, bis hin zur Neutralitätspolitik. Weder von entfesselten Nationalstaaten noch von rivalisierenden Staatengruppen kann die Schweiz grössere Rücksichtnahme auf ihre Interessen erwarten als von der EU.

Die EU ist an der Weiterführung guter Beziehungen zur Schweiz interessiert – aber die Schweiz auch am Fortbestand der EU mit einem grossen Teil ihrer Mitglieder. Und es gibt global- und handelspolitische Interessen Europas, zu deren wirksamen Vertretung die Schweiz zu klein, und deshalb an der EU interessiert ist.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Regierung umbilden, um Deblockierung der Europapolitik zu beschleunigen?

Das Scheitern seines neutralitätspolitischen Antrags im Bundesrat kann Aussenminister Ignazio Cassis auch in der Europapolitik weiter geschwächt haben: „Es verheisst für die Europapolitik nichts Gutes, wenn ausgerechnet der am meisten angeschlagene Bundesrat für das schwierigste Dossier zuständig ist“, kommentiert Redaktor Tobias Gafafer in der NZZ vom 9.9.22. Könnte die Blockade der schweizerischen Europapolitik schneller überwunden werden, wenn das Aussenministerium einem Mitglied einer Blockadepartei übertragen würde?

Weiterlesen »

Orbans „grossungarische“ Ambition – Sicherheitsrisiko für Westeuropa?

Käme Viktor Orban Russland strategisch entgegen, würde er die Allianz wechseln, wenn ihm Russland nach einer „Neuordnung“ Europas die Rückgabe ehemaliger „Grossungarn“-Territorien verspräche, die Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Trianon verlor? Dann könnten russische Truppen zur österreichischen Grenze vorrücken, und durch ein militärisch schwaches Österreich an die Grenze der NATO, an Bodensee und Rhein.

Weiterlesen »