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Von „Feuilleton-Dienst“ zu „CÜLTÜR“: Von Gegenkraft gegen Nazi-Ungeist zu zukunftsfähigem Kulturjournalismus

Kulturredaktorin Martina Läubli erinnert in der „NZZ am Sonntag“ daran, dass die Schaffung des „Feuilleton-Diensts“ eine von mehreren Massnahmen zur geistigen Landesverteidigung war: Um schweizerisches Kulturschaffen zu stärken, als Gegenkraft zum andrängenden Ungeist der Nazis. Aus dem „Feuilleton-Dienst“ ging ch-intercultur, Verein für Kulturkritik, hervor, seit November 2024 Träger des Onlinemediums „CÜLTÜR“.

Auszug aus dem Artikel von Martina Läubli, erschienen am 28. Dezember 2025 unter dem Titel „Kommt geistige Landesverteidigung zurück?“:

„Einst diente die Kultur der Schweiz als Bollwerk gegen äusseren Bedrohungen. (…) Damals spielte die 1931 gegründete Schweizerische Rundspruchgesellschaft (SRG) eine zentrale Rolle. Zudem etablierte man das Schweizer Radio International, den Vorgänger von Swissinfo, den Feuilleton-Dienst, die ‚Film-Wochenschau‘, die Kulturstiftung Pro Helvetia und neue Verlage. Heute dagegen sind die Medien geschwächt. SRF droht durch die Halbierungsinitiative der SVP ein beispielloser Kahlschlag, bei Swissinfo wurde das Budget bereits halbiert. Eine neue geistige Landesverteidigung kann sich also nur bedingt auf die Schweizer Medien verlassen. (…)

Als Willensnation brauchte die Schweiz etwas, mit dem sich die Menschen aus allen Landesteilen und Sprachräumen identifizieren konnten. Dieser gemeinsame Wille sollte durch Kultur fassbar gemacht werden. (…)

Eine Kultur, die der nationalen Besinnung dienen soll, läuft Gefahr, sich in ein geistiges Reduit zurückzuziehen. Da erweist sich die Schweiz unweigerlich als zu eng. Unser Platz in der Welt hat seine Selbstverständlichkeit verloren. deshalb wird die Frage, wo die Schweiz steht, im kommenden Jahr aktuell. Kultur hilft dabei, Antworten zu suchen – sofern sie sich für die Beziehungen der Schweiz zur Welt interessiert. (…)

Eine Neuauflage der geistigen Landesverteidigung braucht deshalb nicht nur Retro-Figuren wie Gilberte de Courgenay und Betty Bossi, sondern auch Offenheit und Austausch – gerade mit den Menschen, die von aussen, von anderswoher kommen. Und sie braucht neue Ideen, worin die Identität der Schweiz und gelebte Demokratie besteht. Nur dann wird sie zur Verteidigung des Landes gegen globale Bedrohungen und eigene Kleingeistigkeit.“

Link zu diesem Artikel (mit anderer Überschrift als in Print und E-Paper).

*

Mit neuen Ideen geht das schweizerische Kulturschaffen heute und morgen immer wieder auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung ein. Aber es ist so, wie Martina Läubli schreibt: Auf die Schweizer Medien ist „nur noch bedingt“ Verlass. Dies trifft auf die Resonanz des kulturellen Schaffens und Lebens schlechthin zu – und damit auch auf seine diskursiven Beiträge zu einem zeitgemässen und zukunftsoffenen Hochhalten und Weiterentwickeln demokratischer, freiheitlicher, sozialer, ökologischer Werte und zivilisatorischer Errungenschaften.

„Dr Schnuuf esch uus“: Unter diesem Titel berichtet Martina Läubli schon am 7. Januar 2024 in der „NZZ am Sonntag“ über eingestellte und in ihrer Existenz gefährdete regionale Kulturmagazine. „Dr Schnuuf esch uus“: Mit diesen Worten habe Yves Stuber, Mitgründer des Oltner Kulturmagazins „Kolt“, vor einem Jahr dessen Einstellung mitgeteilt. Ende 2023 stellte auch das Luzerner Online-Magazin „Kultz“ sein Erscheinen ein. In Winterthur kämpfe das Kulturmagazin „Coucou“ ums Überleben, nachdem die Stadt die Subventionen für 2025-2028 abgesagt habe. Als Antwort auf das „allmähliche Verschwinden der Schweizer Kultur aus der Berichterstattung der meisten grossen Medien“ seien in den letzten 15 Jahren zahlreiche lokale Kulturmagazine gegründet worden. Es sei ihnen aber fast unmöglich, genügend Abonnements zu verkaufen. Das Überleben hänge von externer Finanzierung ab.

„Wer das Schweizer Kulturleben in seiner Vielfalt und regionalen Dynamik abbilden will, kann sich nicht allein auf zahlende Leserinnen und Leser verlassen“ schloss Martina Läubli den Artikel: „Dafür ist unser Land zu kleinteilig. In der Diskussion um die Kulturförderung hat diese Tatsache aber noch keinen Widerhall gefunden. In der Vorlage zur Kulturbotschaft 2025-2028 ist Kulturpublizistik kein Thema.“ Mehr dazu hier.

*

Traditionellen Zeitungen schränken ihre Kulturberichterstattung immer stärker ein, bauen Personalressourcen ab, legen Ressorts zusammen, reduzieren den verfügbaren Raum. Die Themenauswahl wird personalisiert, internationalisiert, auf Spektakuläres fokussiert (siehe hierzu die unten verlinkten Beiträge von PolitReflex).

Deshalb nahm ch-intercultur (vormals Schweizer Feuilleton-Dienst) Abschied von der Rolle als Presseagentur und entschied sich für einen Versuch mit einem neuen Weg für Kulturjournalismus: Seit November 2024 redigiert ein Team vorwiegend junger Kulturjournalistinnen und -journalisten das Online-Magazin „CÜLTÜR„: Einen wöchentlichen, kostenlos zu abonnierenden Newsletter (Link zum Newsletter vom 27.12.25). Auf den „CÜLTÜR“-Webseiten werden Artikel, die der Newsletter verbreitete, dauerhaft zugänglich gemacht.

Deklaration: Der Autor dieses Artikels ist Präsident von ch-intercultur, Verein für Kulturkritik.

Mehr dazu:

„Ein Jahr CÜLTÜR: Online-Kulturmedium, Grenzen überschreitend“ (Link)

„CÜLTÜR – neues Medium für den Kulturraum Schweiz“ (Link)

„Die Krise des Kulturjournalismus kann nicht mit Bundeshilfe überwunden werden“ (Link)

„Die Verdrängung des schweizerischen Kulturschaffens aus den grossen Zeitungen geht weiter“ (Link)

Zur 2018 vorgenommenen Namensänderung von Schweizer Feuilleton-Dienst zu ch-intercultur und zur Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Depeschenagentur, später Keystone-SDA, ein Kurzbericht bei „Persönlich“: Link.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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