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Eine Chance für gute und kooperative Beziehungen zwischen den Generationen

Die Coronakrise weckt Befürchtungen, dass sich die Beziehungen zwischen den Generationen stark verschlechtern, dass sie sogar verrohen. Anlass dafür sind die Debatten über die Alterstriage in den Intensivstationen und über unsolidarisch riskantes Verhalten von Teilen der Menschen im dritten und vierten Lebensalter. Dennoch ist nicht zu verkennen, dass ein grosser Teil der Bevölkerung gute Generationenbeziehungen pflegt und sich dafür einsetzen wird, diese weiterzuführen. Vielleicht steht ein Kampf bevor, aber die Chancen, ihn zu gewinnen, sind intakt.

„Corona verschärft den Generationenkonflikt – wacht auf, liebe Senioren!“ So lautet der Titel einer Kolumne von Tim Wirth (Link zur Kolumne).

Der österreichische Philosoph Peter Strasser (Jahrgang 1950) leitet eine Betrachtung mit den Feststellungen ein: „Die Knappheit der Mittel im medizinischen Kampf gegen Corona kann Ärzte vor schwere Entscheidungen stellen: Wer soll und darf überleben? Da betagte ältere Patienten hier den Kürzeren ziehen dürften, geht die Rede vom «Senizid» um. Das ist nicht ungefährlich.“ (Link)

Nadine Jürgensen, Journalistin, Moderatorin und Juristin, twitterte: «Ich würde punkto #Babyboomer sogar zu der Aussage stehen, dass alle über 65 auch nicht mehr abstimmen sollen. Es geht nicht mehr um Euch, lasst uns doch unsere Zukunft gestalten, wie WIR es wollen, wir müssen Euren Lebensstil sowieso ausbaden.» Später präzisierte sie : «Aber es ging doch nicht um entziehen. Sondern ein freiwilliger Verzicht. (…) Es geht mir auch nicht darum, die Generationen auszuspielen. Es ist einfach ein Gedanke, aber offenbar erhitzt es die Gemüter sehr. (…) Na ja. Dann war das nicht glücklich ausgedrückt.»“ (Link zum Kurzbericht der WOZ).

Die Idee, das Stimmgewicht der Seniorinnen und Senioren zu vermindern, ist nicht neu. So wollte der St. Galler Politologieprofessor Silvano Moeckli das Stimmrecht der Seniorinnen und Senioren schwächen. „Die Konsequenz: weg vom heiligen Prinzip der Demokratie – eine Person, eine Stimme -, hin zur Minderung der Stimme des Alters und zur Stärkung der Stimme der Jugend.“ (Link zu einem NZZ-Artikel aus dem Jahr 2002.)

Tim Wirth geht in der eingangs zitierten Kolumne auf solche Forderungen ein: „Die ältere Generation vom politischen Prozess auszuschliessen, ist falsch, über Reformen nachzudenkenaber richtig. Die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) schlug vor, die Stimmen der jüngeren Menschen höher zu gewichten. Avenir Suisse dachte über ein Stimmrecht ab Geburt nach, wobei die Eltern bis zur Volljährigkeit für die Kinder wählen. Interessant ist auch die Idee des deutschen Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber: Ihm schwebt ein «Klima-Corona-Vertrag» vor: wechselseitige Solidarität. Denn wer achtlos Viren weitergebe, gefährde das Leben der Grosseltern. Wer achtlos CO2 ausstosse, jenes der Enkel.

*

Eine Mehrheit der jungen und erwerbstätigen Bevölkerung pflegt gute, kooperative Beziehungen zu den Menschen im dritten und vierten Lebensalter, will diese weiterführen und setzt sich dafür ein, dass es den ihnen nahestehenden älteren, alten und hochaltrigen Menschen gut geht.

Die politische Beziehung mag man glossieren: Nicht nur „Boomer“ sondern sogar Vor-„Boomer“ erfreuen sich starker, treuer Gefolgschaft! Die Junge SVP folgt gern Christoph Blocher (Jahrgang 1940), für Jusos ist Jean Ziegler (1934) noch immer ein Leuchtturm, für junge Linke in den USA Bernie Sanders (1941).

Meine Frau und ich waren schon vor dem Stimmrechtsalter politisch. Wir waren bei den Jungfreisinnigen und in der Studentenpolitik aktiv. Wir mussten uns an die Dominanz – und mitunter auch Arroganz – älterer und alter Mitbürgerinnen und Mitbürger gewöhnen, erlebten aber auch ermutigende, inspirierende Kollegialität mit politisch aktiven Seniorinnen und Senioren.

Jetzt erleben wir dasselbe auf der andern Seite: Gute Partnerschaft mit jungen politischen Menschen! Es ist uns bewusst, dass es auch an uns liegt, ob sie uns kollegial oder dominant erleben. Sie werden sich kaum dafür einsetzen, dass man unser Stimm- und Wahlrecht schwächt. Wir haben ja gemeinsame Überzeugungen und verfolgen gemeinsame Ziele. Aber selbst mit reduzierten politischen Rechten würden wir in regem politischem Dialog mit jüngeren Menschen bleiben.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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