Sie befinden sich hier:

„Die Schweiz als Ereignis“ – 50 schmackhafte Portionen Zeitgeschichte

Viel lieber spät als nie: Soeben habe ich dieses Buch „Die Schweiz als Ereignis“ entdeckt, das NZZ-Inlandredaktor Marc Tribelhorn 2017 herausgab. Es ist noch greifbar, und es sei allen herzlich empfohlen, die sich der Bedeutung der jüngeren Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart und der möglichen Zukunftsentwicklungen bewusst sind – und gern spannende Kurztexte lesen.

Das Buch ist in die Kapitel „Die Welt und wir“, „Gestörte Idylle“ und „Schillernde Figuren“ gegliedert. Hohe Qualität in attraktivem Stil auf kleinem Raum: Die meisten Essays finden auf drei bis vier Seiten Platz, das ganze Buch umfasst rund 200 Seiten.

Themenbeispiele aus „Die Welt und wir“:

„Bomben auf Pruntrut“, „Glückwünsche an Hitler?“ „Straflager des Grauens“, „Der Bundesrat und die roten Mandarine“, „Ein Schritt zum Einwanderungsland“, „Schweizer Kanonen für Nigeria“, „Deckname ‚Kälin'“, „Protestierend neutral“, „Der ’schwarze Montag'“ (nach dem Nein zum EWR), „Der chinesische Drache ist wütend“.

Themenbeispiele aus „Gestörte Idylle“:

„Revolution, adieu!“ (die Programmrevision der SPS 1935), „Der vergessene Atomunfall von Lucens“, „An die Wand mit diesem Kerl!“ (Spionagefall Brigadier Jeanmaire),  „Ein Woodstock der AKW-Gegner“, „Markstein der Schwulenbewegung“, „‚Mehr Freiheit – weniger Staat'“, „Für Gleichstellung, gegen Diskriminierung“.

Themenbeispiele aus „Schillernde Figuren“:

„Der Aufstand eines Ausgebremsten“ (Gottlieb Duttweiler), „Reise in die ewige Dunkelheit“ (Jacques Piccard), „Der Missionar und die Maulwürfe“ (Ernst Cincera).

Auszug aus dem Vorwort des Herausgebers Marc Tribelhorn unter dem Titel „Lichtblitze der Geschichte“:

„(…) Die Schweiz hat sich zwar stets im Windschatten der Weltpolitik bewegt, doch ihre Geschichte bietet Erstaunliches, auch ohne das Raunen der mythischen Vormoderne. (…) Nur leider scheint sich das Wissen um diese geschichtlichen Grundlagen zu verflüchtigen. Was früher zum schulischen Kanon und zum bildungsbürgerlichen Selbstverständnis gehörte, ist heute meist nur noch ’nice to have‘. Auch in Politik und Medien fehlt es nicht selten an historischer Tiefenschärfe, die Denkweite in der Jetztzeit ermöglichen würde. Und dies, obwohl in den letzten Jahren wichtige Bücher erschienen sind, die den aktuellen Stand der Forschung im Gewand der zeitweise verpönten Nationalgeschichte einem breiten Publikum präsentieren. (…) Der vorliegende Sammelband verfolgt einen bescheideneren Ansatz. Nicht die breiten Kontinuitätslinien, die tiefen Zäsuren, die sozialen Strukturen und ökonomischen Prozesse sind Themen, sondern politische Weg- und Duftmarken, Anekdoten und Skandale (…) Das klingt nach leichtgewichtigem, zufälligem Inhalt. Doch wie schrieb der grosse französische Historiker Fernand Braudel, der sich in seiner Forschung vorzugsweise mit Entwicklungen der ‚longue durée‘ beschäftigte ‚Ereignisse sind Staubkörnchen: sie blitzen kurz im Lichtstrahl der Geschichte auf und fallen alsbald dem Dunkel und häufig der Vergessenheit anheim. Jedes Ereignis aber, so kurzlebig es sein mag, erhellt ein Stückchen der Geschichtslandschaft und bisweilen auch ein grosses Panorama. Braudels Zitat steht programmatisch für dieses Buch: Die Beiträge erinnern an Ereignisse, die im kollektiven Gedächtnis kaum Spuren hinterlassen haben, in ihrer Gesamtheit aber einiges über die Mentalität und politische Kultur der Schweiz aussagen, zum Denken anregen und helfen sollen, aktuelle Entwicklungen zu verstehen und einzuordnen. (…).“

Autorinnen und Autoren der Beiträge (in alphabetischer Reihenfolge): Marcel Amrein, Erich Aschwanden, Martin Beglinger, Christophe Büchi, Katharina Fontana, Daniel Gerny, Markus Häfliger, Simon Hehli, Lea Ingber, Andrea Kucera, Lucien Scherrer, Paul Schneeberger, Jürg Schoch, Davide Scruzzi, Frank Sieber, Helmut Stadler, Marc Tribelhorn, Christoph Wehrli, René Zeller.

*

Erfreulich ist, dass Marc Tribelhorn, der Herausgeber dieses Buchs, weiterhin in der NZZ regelmässig zeitgeschichtliche Artikel schreibt, die zur Meinungsbildung über aktuelle Entwicklungen beitragen. Erfreulich auch, dass der NZZ-Verlag ein stets lesenswertes Periodikum „NZZ Geschichte“ herausgibt.

Link zur Anzeige des NZZ Libro Verlags.

Siehe auch:

„Gerade hetzt den Geschichtsunterricht schwächen?“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Denkmäler. Wenn wir über Vorfahren urteilen.

Wenn wir über Vorfahren urteilen, stellen wir – willentlich oder unwillentlich – auch die Frage nach unserem eigenen Einsatz für mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Ob Vergangenheit oder Gegenwart: Das Suchen, Finden und Darstellen des Bestmöglichen ist ebenso wichtig und stärkt auch die Überzeugungskraft negativer Urteile.

Weiterlesen »

Könnte Orban dank Putin einen Teil des verlorenen Grossungarns zurückgewinnen?

An dieser Stelle wurde bereits darauf hingewiesen, dass dies ein Motiv für Orban sein könnte, die Unterstützung der Ukraine durch die EU zu blockieren: Wenn Putin die Ukraine unterwürfe, und/oder wenn Trump mit Putin einen „Yalta-2“-Vertrag über eine Neuaufteilung Europas abschlösse, könnte sich Putin bei Orban mit der Übergabe eines Teils der Ukraine bedanken, den Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Trianon verlor.

Weiterlesen »