Unter dem Eindruck, 2017 einen Fehler begangen zu haben, als sie sich weigerte, mit CDU und Grünen eine „Jamaika“-Koalition einzugehen, sagte sie jetzt ja zur „Ampel“ mit SPD und Grünen. Die Kompromisse, die sie diesen beiden Partnern gegenüber machen muss, dürften für Teile der Basis – Wirtschaftsliberale und Gegner klimapolitischer Einschränkungen ihres Lebens – schmerzlicher werden, als sie es mit „Jamaika“ gewesen wären. Man mag von der Ära Merkel halten, was man will, aber die Führung von „Jamaika“ durch die Union hätte wohl der einen oder anderen Forderung der Grünen Grenzen gesetzt. Damit kann die FDP nun nicht rechnen.
Allerdings kann sich die Union nebst der Abwerbung eines Teils der FDP-Basis noch ein anderes Ziel setzen: 2025 mit der FDP eine Regierungskoalition zu bilden. Je stärker sie die FDP in den nächsten vier Jahren schwächt, desto weniger fällt die FDP 2025 in Koalitionsverhandlungen ins Gewicht, und desto kleiner wird der Teil der FDP, der dann lieber mit der Union koaliert als die „Ampel“ weiterführt. Die Union wäre also eigentlich auch interessiert daran, die Auseinandersetzung mit der FDP so zu führen, dass 2025 die Chance möglichst gross ist, mit ihr eine Koalition zu bilden.
Die FDP wird beobachten, wie sich ihre Mitverantwortung für die „Ampel“-Politik auf ihre Umfragewerte auswirkt. Nicht auszuschliessen ist, dass sie während der Legislaturperiode aus der Regierung austritt, sich als Oppositionspartei für die nächsten Bundestagswahlen zu stärken versucht und auf eine Koalition mit der Union vorbereitet. SPD und Grüne würden dann als Minderheitsregierung weiterregieren, denn das Grundgesetz ermöglicht den Sturz von Kanzler und Regierung nur durch das konstruktive Misstrauensvotum, d.h. durch eine Parlamentsmehrheit für eine neue Regierung, und eine solche ist nicht in Sicht.
Möglich, ja sogar wahrscheinlich ist aber auch, dass die FDP mit ihrer Regierungspolitik neue Wählerinnen und Wähler gewinnt: grünliberal Gesinnte.