Sie befinden sich hier:

Amerikanisierung des politischen Systems der Schweiz?

Eben jetzt beobachten wird, dass das Zweiparteiensystem der USA in die Unregierbarkeit zu führen droht. Die Schweiz wird gelegentlich in struktureller Hinsicht als Schwesterrepublik der USA bezeichnet. Driftet sie in ein Zweilagersystem?

Ein Zweiparteiensystem droht der Schweiz kaum. Aber einem Zweilagersystem nähert sie sich an. Umfragen lassen erwarten, dass die Polpartei SVP und die Polgruppe SP&Grüne am kommenden Wahlwochenende erneut die Mehrheit der „unheiligen Allianz“ gewinnen. Solange der arithmetische Automatismus der Regierungsbeteiligung gilt, sind sie für die Wahl ihrer Bundesrätinnen und Bundesräte nicht auf die Parteien angewiesen, die als parlamentarische Minderheit zwischen ihnen stehen. Zur Bildung von Mehrheiten für Vorlagen werden Sie allerdings deren Unterstützung brauchen, aber die Polkraft, die sich im Parlament nicht durchsetzen konnte, kann gegen die Mehrheitsvorlage das Referendum ergreifen, weil ihre Regierungsbeteiligung sachpolitisch unverbindlich ist.

Silja Häusermann, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Zürich, legt in einem Interview mit dem „SonntagsBlick“ (15.10.23) dar, dass sich die Polparteien nicht um die Überzeugung von Wechselwählerinnen und Wechselwählern kümmern, und schon gar nicht darum, sich kooperativ mit den Mitteparteien zu zeigen, sondern – durchaus amerikanisch – den Wahlkampf nur zur Mobilisierung des eigenen Lagers führen:

„Die Schweiz ist heute eines der polarisiertesten Länder Europas. Studien zeigen, dass die Leute heute genau wissen, wo sie politisch hingehören. Das führt dazu, dass die politischen Lager stark gespalten sind und eher unter sich bleiben. Umso mehr versuchen sie, durch zugespitzte Slogans und Kampagnen ihre Wählerbasis zu mobilisieren.

Die Politik kann in wichtigen Bereichen wie der Klima-, der Europa- und der Rentenpolitik keine weitreichenden Entscheidungen fällen. Die Polarisierung führt zu einem Reformstau.“

Siehe auch:

„Wie geht die Bundespolitik nach den Wahlen weiter?“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Die Krise des Kulturjournalismus kann nicht mit Bundeshilfe überwunden werden

Die Beratung der Kulturbotschaft am 4. Juni 2024 im Ständerat schaffte Klarheit: Der Bund weiss um die kulturpolitische Bedeutung und die Krise von Kulturjournalismus und Kulturkritik. Aber diese Krise wird nicht mit Bundeshilfe überwunden werden. Umso wichtiger und dringender ist es nun, neue, digitale und kostengünstige Wege zu finden, Verbreitung und Vernetzung neuer Kulturmedien zu stärken und neue Finanzierungsmodelle zu erproben. Dieser Aufgabe widmet sich ch-intercultur (www.ch-intercultur.ch) mit Partnerinnen und Partnern.

Weiterlesen »

Wieviel ist der Schweiz der Schutz der Menschenrechte in Europa wert?

Am Dienstag, 24. September, wird der Nationalrat über Vorstösse entscheiden, die die Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) fordern. Deren Urheber werden ihre Empörung über das Klima-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ausdrücken. Aber die Beratung muss auf eine grundsätzliche Ebene angehoben werden: Wieviel wert ist der Schweiz, ihren Einwohnerinnen und Einwohnern der Schutz der Menschenrechte in Europa?

Weiterlesen »

Bundesratswahl 2019: Frustration mit Ansage

Kürzlich stand bei PolitReflex, unsere Parteien müssten zuerst lernen, Koalitionen einzugehen, bevor von der arithmetischen Zusammensetzung des Bundesrates Abschied genommen werden könne. Nationalrat Martin Bäumle, Mitbegründer der Grünliberalen, liefert hierfür am zweitletzten Wahltag eine krasse Bestätigung: Grüne und Grünliberale hätten viel zu wenig Übereinstimmung, als dass sie sich gegenseitig in der Bundesratswahl unterstützen könnten.

Weiterlesen »