Sie befinden sich hier:

Medienförderung: Unabhängiger Journalismus sei gegenüber der Wirtschaft weniger wichtig, findet ein Gegner.

„Die Wirtschaft bedarf der medialen Aufsicht viel weniger als die Politik.“ So Christoph Mörgeli in der „Weltwoche“ vom 20.1.22, S. 18. Und deshalb sei „der freisinnige Publizist Ulrich E. Gut“ im „Irrtum“, wenn er „die Abhängigkeit der Medien von Werbewirtschaft und Financiers als problematischer“ beurteile „als jene von Staatsgeldern“. – Ein interessantes, wichtiges Thema!

Politik und Wirtschaft unterscheiden sich bezüglich institutioneller Kontrolle. In der Politik findet sie statt

– durch parlamentarische Oberaufsicht

– durch gegenseitige Beobachtung rivalisierender Parteien und „Lager“

– in Wahlkämpfen

– durch Ausübung freiheitlicher und direktdemokratischer Rechte von Gruppen und Individuen.

Die Thematik dieser Aufsicht ist unbegrenzt, sie erstreckt auf grundrechtliche, rechtsstaatliche, ökonomische, ökologische, sicherheitspolitische und viele weitere Aspekte Die Aufsicht durch die Medien trägt dazu bei, und die Medien ziehen auch Nutzen davon: Die politische Kontrolle liefert ihnen Themen und Kontroversen.

Gibt es zur Beaufsichtigung wirtschaftlichen Handelns eine vergleichbare Aufsicht? Die institutionellen Kontrollvorkehrungen konzentrieren sich auf die Wahrung der Interessen von Aktionariat, Personal und eventuell Stakeholders.

Investigativer, analytischer, einordnender, kritischer Wirtschafts-Journalismus ist anspruchsvoll. Lässt man den Einfluss der Werbenden und der Financiers ansteigen, erleichtert man ihnen auch, sich vor journalistischer Aufklärung zu schützen.

Befürchtet man, dass staatliche Medienförderung zu politischer Einflussnahme auf die journalistische Arbeit führt, ist darauf hinzuweisen, dass die Förderpraxis, die kraft Gesetzes politisch neutral sein muss, unter Beobachtung der politischen Kräfte von links und rechts steht. Diese gönnen sich keine Bevorzugung. Gerät hingegen die journalistische Unabhängigkeit unter Druck von Werbern und Financiers, greift kein vergleichbarer Schutz.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Ein Hochgefühl von Unantastbarkeit bestimmt die Europapolitik der Schweiz

Die Sozialpartner und die nationalkonservativen Teile der Parteien haben keine Bedenken, auf unabsehbare Zeit Marktanteile und Kooperationsmöglichkeiten in Europa zu verlieren – in einer Situation, die im internationalen Vergleich schon fast ein Wirtschaftswunder ist, und in der die Gewerkschaften weder Beschäftigungs- noch Lohnrückgang infolge von Marktanteilsverlusten befürchten. Es herrscht ja Fachkräftemangel.

Weiterlesen »

Können Gegensätze zwischen Regierungsparteien zu gross werden?

Es scheint trivial, dass nur Parteien zusammen regieren können, wenn und solange sie willens und fähig sind, eine gemeinsame Regierungspolitik zu vertreten. Der Niedergang der deutschen „Ampel“ und insbesondere der deutschen FDP scheint dies zu bestätigen. Nur die Schweiz mit ihrer „Zauberformel“ der unverbindlichen Regierungsbeteiligung hält sich auch in dieser Hinsicht für einen Sonderfall. Muss nun Deutschland auf diesen Schweizer Weg gehen? „Ampel für immer“ titelt die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“.

Weiterlesen »