West- und Mitteleuropa haben den Zweiten Weltkrieg sowohl gewonnen als auch verloren. Hitlers Niederlage bedeutete Rettung und Regeneration, leider bis 1989 nur in Westeuropa. Aber Hitler hatte das nichtsowjetische Europa militärisch mit in die Niederlage gerissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah sich ein zutiefst geschwächtes Europa den Supermächten USA, Sowjetunion und China gegenüber. Frankreich wurde zur Atommacht zweiten Ranges, dank De Gaulles Eigensinn.
Charles De Gaulle ist ein gutes Stichwort für Gedanken zur Entwicklung der Beziehungen zu den USA. Obwohl er ohne die angelsächsischen Allierten keine Chance zur Befreiung Frankreichs gehabt hätte, war er getrieben von der wohl nicht unberechtigten Überzeugung, dass die USA und Grossbritannien das Nachkriegs-Frankreich machtpolitisch kleinhalten wollten. So schuf er die atomare „Force de frappe“, verweigerte Grossbritannien den Eintritt in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und nahm selbständige Beziehungen zur Sowjetunion und zu Polen auf. So mag De Gaulle ein geistiger Vater eines Europa sein, das nach Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber den USA strebt.
Während des Kalten Kriegs war ich dezidierter Antikommunist. Ich stehe dazu, und was nach 1989 noch zusätzlich über die Verhältnisse im Herrschaftsbereich der Sowjetunion, in den Staaten des Warschauer Pakts bekannt wurde, rechtfertigt diese Haltung. Dabei ist mir bewusst, dass etwa die Wiedervereinigung Deutschlands durchaus problematisch verlief und in Ostdeutschland ökonomische und soziale Strukturen unweise zerschlagen wurden, was sich heute durch die politische Entwicklung in ostdeutschen Bundesstaaten rächt.
Da ich also Antikommunist war, bin ich auch zufrieden, dass USA, NATO und Westeuropa (verkörpert in EWG und EG) dem Druck der Sowjetunion standhielten und letztlich den Kalten Krieg gewannen. Aber was hat man daraus gemacht? Wäre keine bessere Entwicklung der Beziehung zu Russland möglich gewesen, als diejenige, die zu Putin führte? Ich meine: Doch. Darauf wäre zurückzukommen.
Nun wäre auf den Vietnamkrieg und auf dessen Auswirkung auf die Beziehungen zwischen Europa und den USA einzugehen. Er gehörte zu den Katalysatoren der Achtundsechziger-Bewegung und generierte in der europäischen Linken einen Antiamerikanismus, der bis heute nachwirkt.
Der rechtsextreme Antiamerikanismus ist ganz anders erklärbar: Für Nazis und Neonazis sind die USA noch heute ein Feind, weil sie entscheidend zu Hitlers Niederlage beitrugen.
Seither irritierte die Politik der USA in Europa immer wieder, ruft Ablehnung hervor, oder Konsternation, weil sie scheitert wie in Afghanistan. Immer wieder setzten die USA auf verwerfliche oder unfähige Verbündete. Den Versuch der Verständigung mit Iran haben sie aufgegeben zugunsten einer unsäglichen strategischen und politischen Partnerschaft mit Saudiarabien.
Für mich gibt es aus der ganzen Entwicklung der Beziehungen zu den USA eine klare Konsequenz: Stärkung Europas. Eine grosse Chance besteht darin, dass alle problematischen Entwicklungen in den Mitgliedstaaten der EU bisher nicht zu einer Spaltung zwischen Deutschland und Frankreich in der Globalpolitik führten.