Sie befinden sich hier:

Beleidigen, einschüchtern, imponieren – weshalb, und mit welchen Aussichten?

Feiglinge seien sie! Eine Schande für Grossbritannien! So beschimpfte Generalanwalt Cox, Mitglied der britischen Regierung, die Abgeordneten, als das Unterhaus am Mittwoch, 25. September 2019, aufgrund eines einstimmig gefällten höchstrichterlichen Urteils wieder zusammentrat. Und dies mit der Stimme eines Kommandanten auf dem Schlachtfeld, der Widerspruch weder kennt noch gar duldet: Einer Stimme der Gewalt.

Sachlich betrachtet befindet sich Premierminister Boris Johnson durchaus nicht in einer aussichtsreichen Situation. Er kann nur noch wählen zwischen Befolgung des Willens der Parlamentsmehrheit, Rücktritt oder dem Überschreiten des Rubikons zur Illegalität, zum Putsch.

Was soll dann diese Beschimpfung der Parlamentsmehrheit und zugleich des obersten Gerichts? Die Gegner des vertragslosen Brexit werden sich nicht einschüchtern lassen, nachdem sie einen so schweren Weg gingen, um ihren Willen durchzusetzen. Eine rationale Erklärung kann eigentlich nur sein, der Frustration und Wut der eigenen, zur parlamentarischen Minderheit gewordenen Anhängerschaft eine Stimme geben zu wollen, den eigenen Anhängern zu imponieren: Seht, wir sind ungebrochen, wir sind stark, wir haben vor nichts und niemandem Respekt.

Oder hat Cox den Befehl zum Putsch gegeben? Im Auftrag des Premiers – oder um diesen dazu anzutreiben?

Quelle: Originalton in der SRF-Sendung „Echo der Zeit“ vom 25.9.19.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Mitregieren? In die Opposition gehen? Sich verweigern?

„Liberale haben ihre Ideen verraten“: So die Überschrift des Leitartikels von Morten Freidel, stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland in Berlin, auf der Frontseite der NZZ vom 20.12.2025. Der Verratsvorwurf ist verfehlt. Denn er missachtet die realpolitische Wahl, die die Parteien – nicht nur die liberalen – immer wieder zwischen Alternativen treffen müssen, von denen keine die kompromisslose und wirksame Umsetzung des Programms erlaubt. Die Schweizer „Zauberformel“, die deutschen, österreichischen und anderen Koalitionen zeigen auf, worum es geht.

Weiterlesen »

Putin hat der demokratischen Linken Europas nichts zu bieten

Im Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts erzielen in Westeuropa kommunistische Parteien beachtliche Wahlerfolge. Für einen Teil der Werktätigen war das sowjetische Wirtschafts- und Staatssystem eine bessere Alternative zum „Kapitalismus“. Putin hingegen hat ihnen nichts zu bieten. Deshalb wird er fast nur von Rechtsextremen unterstützt, und den Widerstandswillen des Westens muss er mit atomarer Erpressung zu brechen versuchen.

Weiterlesen »