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Wie stellen wir uns Krieg vor?

Petra Ramsauer war 22 Jahre lang Kriegsreporterin. In einem Interview mit dem Tages-Anzeiger (19.12.20)* stellt sie fest: „Die grossen Verlagshäuser zahlen immer weniger für Reportagen aus Krisengebieten.“ Das wirft die Frage auf, wie wir uns Krieg vorstellen; ob und wie Generationen, die in Europa keinen Krieg mehr näher als Ukraine, Bosnien und Kosovo erlebt haben, ein realitätsnahes Kriegsbild bekommen könnten.

Krieg sei das Schlimmste für die Menschenrechte, stellte Dick Marty in einem Podiumsgespräch am Film Festival Diritti Umani 2019 in Lugano fest: Der Krieg an sich sei das grosse Verbrechen. (Link)

Viel wurde darüber nachgedacht, wie es sich auswirke, dass die letzten Zeitzeugen des Holocausts sterben. Aber gleichzeitig sterben die letzten Zeugen der Verheerungen des Zweiten Weltkriegs. Ihre Töchter und Söhne sind in den politischen Ruhestand getreten.

Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlitten hatten, darin Opfer, Täter oder hilflose Getriebene waren, haben in West- und Mitteleuropa eine Friedensordnung aufgebaut. Militärpolitik war weniger ihre Stärke und Neigung. Mehr denn je wird von atlantisch gesinnten Kommentatoren beklagt, dass Westeuropa zu wenig in seine militärische Bereitschaft investiere, und deshalb die USA zu grosse Lasten zu tragen hätten. Und die Kritik am Bemühen Deutschlands um Beziehungen zu Russland, die das Kriegsrisiko mindern, wird lauter. Einige scheinen schon zu begrüssen, dass der Fall Navalny eine Wende zur Konfrontation herbeiführen könnte.

Wenn nun Menschen am Ruder sind, die allenfalls noch von Grosseltern und Urgrosseltern gehört haben, wie es war, als man vom Schweizer Bodenseeufer aus sah, wie deutsche Städte und Dörfer bombardiert wurden, muss das Bewusstsein um die Kriegsrealität und die Bedeutung von Friedenspolitik trotzdem erhalten bleiben.

Deshalb sollte die Entwicklung, auf die Petra Ramsauer hinweist, nicht einfach hingenommen werden. Zu hoffen bleibt, dass wenigstens die Medien des Service Public und einige Qualitätzeitungen fähig und gewillt bleiben, vor Augen zu führen, was Krieg bedeutet.

Petra Ramsauer: „Ich habe mich 22 Jahre in jedes Dreckloch gesetzt, um den Menschen das Gefühl zu geben, dass man sie nicht allein in ihrem Dreckloch sitzen lässt, sondern sich die Mühe macht, dort hinzufahren. Es geht darum, diesen Menschen diese Würde wiederzugeben. Dass das Unglaubliche, das sie aushalten müssen, nicht allen egal ist.“

Ich plädiere nicht für radikalen Pazifismus, aber dafür, dass man sich dem Dilemma zwischen Kriegsverhinderung und Freimachen der Bahn für aggressive Diktatoren im Wissen stellt, was Krieg bedeutet, auch wenn er unterhalb der nuklearen Schwelle bleibt.

Link zum Samstagsgespräch mit Petra Ramsauer (hinter Paywall).

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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