Erziehung zum Misstrauen kann sich nicht auf die Botschaft beschränken, keinen verantwortlichen Personen, keinen Institutionen, keiner Wissenschaft, keinen redigierten Medien zu vertrauen. Vielmehr muss sie dazu anleiten, Vertrauensbeziehungen aufzubauen und zu pflegen, die das Individuum nun einmal braucht: Durch kritisches Verfolgen des Handelns und Kommunizierens von Personen, Gruppen und Institutionen, über deren Kompetenz man sich informieren und bei denen man vernünftigerweise annehmen kann, mit ihnen gemeinsame Interessen zu haben.
Absolutes Misstrauen bedeutet auch Absage an die Fähigkeit zu demokratischer Partizipation. Wie will ich wählen und abstimmen, wenn ich niemandem vertraue? Ich kann ja nicht alles selber wissen. Demokratie erfordert Selbstvertrauen, aber ein anderes: Das Selbstvertrauen, unterscheiden zu können, Vertrauen und Misstrauen nach Erfahrung und Plausibilität anzuwenden. Die Bereitschaft, Vertrauen zurückzuziehen, ist sicher nötig, aber Vertrauensentzug in unklaren Situationen, vielleicht als Reaktion auf überraschende Angriffe oder Verdächtigungen, will wohlüberlegt sein.
Die Vertrauensfrage führt auch zur Einsicht, dass Orientierung und Positionierung in der Gemeinschaft und in der Demokratie als Gemeinschaftsaufgabe besser zu finden und zu bewahren sind als isoliert. Denken wir Vorgänge, die Vertrauen erschüttern, zusammen mit andern Menschen durch und überlegen wir gemeinsam die Konsequenzen!
Schliesslich gehört zur Misstrauenserziehung auch die Ermutigung, tätig zu werden: Auskunft zu verlangen, Rechenschaft zu fordern, öffentlich Stellung zu nehmen, auch einmal provokativ.