Sie befinden sich hier:

Erziehung zu Misstrauen – angesichts von Fake News und Verschwörungstheorien

Erziehung zu Misstrauen ist wichtig, aber auch anspruchsvoll. Führt sie zur Überzeugung, am besten ganz ohne Vertrauensbeziehungen durchs Leben zu gehen, macht sie anfällig auf Fake News und Verschwörungstheorien.

Erziehung zum Misstrauen kann sich nicht auf die Botschaft beschränken, keinen verantwortlichen  Personen, keinen Institutionen, keiner Wissenschaft, keinen redigierten Medien zu vertrauen. Vielmehr muss sie dazu anleiten,  Vertrauensbeziehungen aufzubauen und zu pflegen, die das Individuum nun einmal braucht: Durch kritisches Verfolgen des Handelns und Kommunizierens von Personen, Gruppen und Institutionen, über deren Kompetenz man sich informieren und bei  denen man vernünftigerweise annehmen kann, mit ihnen gemeinsame Interessen zu haben.

Absolutes Misstrauen bedeutet auch Absage an die Fähigkeit zu demokratischer Partizipation. Wie will ich wählen und abstimmen, wenn ich niemandem vertraue? Ich kann ja nicht alles selber wissen. Demokratie erfordert Selbstvertrauen, aber ein anderes: Das Selbstvertrauen, unterscheiden zu können, Vertrauen und Misstrauen nach Erfahrung und Plausibilität anzuwenden. Die Bereitschaft, Vertrauen zurückzuziehen, ist sicher nötig, aber Vertrauensentzug in unklaren Situationen, vielleicht als Reaktion auf überraschende Angriffe oder Verdächtigungen, will wohlüberlegt sein.

Die Vertrauensfrage führt auch zur Einsicht, dass Orientierung und Positionierung in der Gemeinschaft und in der Demokratie als Gemeinschaftsaufgabe besser zu finden und zu bewahren sind als isoliert. Denken wir Vorgänge, die Vertrauen erschüttern, zusammen mit andern Menschen durch und überlegen wir gemeinsam die Konsequenzen!

Schliesslich gehört zur Misstrauenserziehung auch die Ermutigung, tätig zu werden: Auskunft zu verlangen, Rechenschaft zu fordern, öffentlich Stellung zu nehmen, auch einmal provokativ.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Ja, es ist richtig und wichtig, zu „schützen, was Europa ausmacht“

Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission, hat ein Kommissionsressort „Schützen, was Europa ausmacht“ geschaffen: „Protecting the European Way of Life“. Gibt es das? Ja – bei allen Unterschieden zwischen den Regionen und Völkern Europas. Und ist das schützenswert? Ja. Humanität und Respekt gegenüber Geflüchteten und Migrierten werden sich nur behaupten, wenn sie einhergehen mit glaubwürdiger Entschlossenheit, in Europa eine durch Liberalität, Rechtsstaatlichkeit und gleiche Rechte für die Geschlechter bestimmte Lebensweise hochzuhalten.

Weiterlesen »

Das Schweizer Kulturschaffen verliert seine Resonanz

Die „NZZ am Sonntag“ berichtet am 7. Januar 2024 über den Niedergang regionaler Kulturmagazine. Dennoch sei „in der Vorlage zur Kulturbotschaft 2025 Kulturpublizistik kein Thema“. – Immerhin unterschrieben mehr als 1’200 Personen das von ch-intercultur lancierte Manifest „Der Kulturjournalismus gehört in die Kulturbotschaft“.

Weiterlesen »

Junge Menschen nicht zu früh aufgeben.

Wie soll eine Hochschule mit extremistischen Studierenden umgehen? Die NZZ befragt hierzu den Direktor der Zürcher Hochschule für Künste. Dessen besonnene Haltung verdient Unterstützung. Das Strafrecht verfolgt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Erziehungs- und Nacherziehungsziele. Diese Haltung ist auch in Beruf und Bildung sinnvoll.

Weiterlesen »