Sie befinden sich hier:

Wenn Putins Russland der Schweiz den Bergier-Bericht vorhält

Hortung von Nazi-Gold, Forderung nach dem „J“-Stempel in jüdischen Pässen – Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Aussenministeriums wirbt damit für Blochers Neutralitätsinitiative: „Das ist die ‹flexible Neutralität›, die in Bern propagiert wird. Sie biegt sich dorthin, wo es nützt. In den 1940er Jahren bog sie sich in Richtung Berlin. Heute biegt sie sich in Richtung Kiew und Brüssel“ (NZZ, 5.8.26). Sacharowa beruft sich explizit auf den Bergier-Bericht. – Damit regt sie allerdings zu einem Vergleich an, wie die Schweiz und Russland mit ihrer Vergangenheit umgehen.

Die Schweiz tat sich schwer, sich den Schattenseiten einer Politik zu stellen, die primär eine Besetzung der Schweiz durch Hitler-Deutschland vermeiden wollte, wodurch allerdings der „J“-Stempel und die Rückweisung jüdischer Flüchtlinge nicht zu rechtfertigen waren. Aber der Bergier-Bericht kam zustande. Weite Teile der politisch und historisch interessierten Bevölkerung stellten sich seinen Ergebnissen und nahmen sie in ein differenziertes Bild der Schweiz und ihrer Geschichte auf. Wobei es just Christoph Blocher war, der zeitweilig politisch punktete, indem er sich gegen die zeitgeschichtliche Forschung als vermeintlicher Ehrenretter der Schweizer Weltkriegsgeneration gebärdete.

Putin hingegen geht gegen unabhängige zeitgeschichtliche Forschung und Vermittlung vor. Er lässt Stalin rehabilitieren. Von einer kritischen Aufarbeitung von Schattenseiten der russischen Geschichte kann keine Rede mehr sein – obwohl es an Themen hierfür nicht fehlen würde: Hitler-Stalin-Pakt, Einmarsch in Polen, Schau- und Geheimprozesse, Gulag, nach Kriegsende Sowjetherrschaft über ostmitteleuropäische Völker, Niederschlagung des Ungarn-Aufstands und des Prager Frühlings, Überfall auf Afghanistan, Kadyrow-Diktatur in Tschetschenien mit ihren brutalen Menschenrechtsverletzungen… Schliesslich aber auch eine Politik, die zum Ende der Sowjetunion führte.

Mehr dazu:

Markus Ackeret, NZZ-Korrespondent in Moskau: „Unerwünschte Erinnerung: Die Schliessung des Moskauer Gulag-Museums entlarvt das Geschichtsverständnis der Machthaber in Russland“ (Link)

SRF: „Russisches Gericht stuft Memorial als extremistisch ein“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Die SVP-Führung lässt ihre Basis aufstacheln

Die SVP-Führung setzt Roger Köppel als Agitator ein – und nimmt hin, dass seine Agitation von Putin-Propaganda durchsetzt ist. Wer sich auf eine schwierige und bedauerliche Entwicklung der schweizerischen Politik vorbereiten will, sollte die Hetzrede lesen, die Köppel an der Albisgüetli-Tagung 2026 hielt. Nun wäre es an den bürgerlichen Partnern, auf die Führungsriege der Blocherpartei zuzugehen mit einem glaubwürdigen „So nicht! Wir lassen uns nicht alles bieten. Wir sind fähig, euch wirksam entgegenzutreten, und werden es tun. Die Unverbindlichkeit des Zauberformel-Anspruchs hat eine Grenze, und ihr schickt euch an, diese zu überschreiten. Entscheidet Euch, ob ihr mitverantwortliche Regierungspartei bleiben wollt.“

Weiterlesen »

Bundesrat Pfister bei zwei Ländern, die die Bedrohung durch Putin ernst nehmen

Unfähigkeit? Unwille? Oder beides? Es ist (noch?) nicht absehbar, dass und wie die „Zauberformelkonkordanz“-Schweiz die notwendige Nachrüstung ihrer Armee finanziert. Oft unausgesprochen, aber unverkennbar geben massgebliche Politiker und Politikerinnen von links bis rechts zu erkennen, dass sie die Bedrohung nicht wirklich ernst nehmen. Parteistrategie geht ihnen vor Sicherheitspolitik. Da kommt die Aufklärungsmission des Schweizer Verteidigungsministers, Bundesrat Martin Pfister, nach Finnland und Polen einem Appell und Beitrag zum nötigen Umdenken gleich.

Weiterlesen »