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Aufbruch und Neuorientierung nach Corona: Wer, mit wem, in welche Richtung?

Unsere ersten Gedanken und unsere Hilfsbereitschaft gelten denen, die durch Corona geschwächt und in existenzielle Sorge gebracht werden: Durch Arbeitslosigkeit, Geschäftsaufgabe, Verarmung, Beziehungskrisen. Aber es ist auch wichtig, an die Zeit danach zu denken: Wer wird die Gesellschaft, die Wirtschaft wieder in Gang bringen und neu ausrichten? In welche Richtung?

Corona wirft jetzt auch Menschen aus dem Geleise, die sehr leistungsfähig und kreativ sind und ihre Stärken durch diesen Rückschlag nicht verlieren werden. Denken wir etwa an Start-Up-Unternehmerinnen und -Unternehmer, deren Start jetzt abgebrochen wird. Sie können massgebliche Motoren des Wiederaufbruchs werden und diesen vielleicht sogar stärker bestimmen als Firmen, die dank grosser Reserven die Krise überstanden haben; stärker als viele Menschen, die ihre Stelle behalten, ihr Geschäft weiterführen konnten.

Werden die Wiederaufsteherinnen und Wiederaufsteher bei Stehengebliebenen in den Wiederaufbau steigen wollen – oder einen Alleingang vorziehen, oder Partnerschaften mit andern Gebeutelten? Es wird alles vorkommen.

Sodann: Wie wird sich die Krise auf die Weltanschauungen und die politischen Haltungen auswirken? Welche Ziele werden die Wiederaufbauerinnen und Wiederaufbauer verfolgen? Nach welchen Überzeugungen, welchen Werthaltungen werden sie handeln?

Beobachtet man die Diskussionen in den sozialen Medien, entsteht der Eindruck, dass viele Menschen ihre Haltungen verschärfen. Wer zum Beispiel schon bisher für eine andere Sozial- und Wirtschaftsordnung war, ist es mehr denn je, und wer schon immer für Abschottung und für den ungebundenen Nationalstaat war, fühlt sich ebenfalls bestätigt. Und beide hoffen, die Krisenerfahrung werde ihnen zum Durchbruch verhelfen.

Fast noch interessanter, und vielleicht auch relevanter, als diese Bestätigungs- und Radikalisierungseffekte ist aber das Umdenken. Ein einfaches, oft gehörtes Beispiel: Man hat gelernt, langsamer,  gesundheitsbewusster, weniger mobil zu leben und zu arbeiten. Das kann die Bereitschaft erhöhen, dies nach der Coronakrise auch zugunsten des Klimas zu tun. Es kann entsprechenden politischen Forderungen Vorschub leisten.

Aber es sind auch gefährliche Haltungsänderungen möglich. Aus einem Kommentar von Auslandredaktorin Judith Kormann in der NZZ vom 4.4.2020:

„(…) Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sind gravierend. Können Massenarbeitslosigkeit und Armut nicht verhindert werden, liefert das populistischen Politikern fruchtbaren Boden. Zudem wirkt die Corona-Krise schon jetzt wie ein Vergrösserungsglas auf soziale Ungleichheiten: zwischen jenen, die die Ausgangssperre in ihren Ferienhäusern auf dem Land abwarten, und jenen, die zu viert oder fünft in Zweizimmerwohnungen festsitzen. Zwischen jenen, die als Kassierer, Lieferanten oder Busfahrer weiter zur Arbeit gehen, und jenen, die im Home-Office vor Ansteckungen geschützt sind. Jede Polarisierung der Gesellschaft suchen Populisten für sich zu nutzen. (…)“

Man kann das beeinflussen. Tun wir es!

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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