Sie befinden sich hier:

Wenn liberale Demokratien Teil von „Einflusszonen“ autoritär geführter Supermächte werden

Von Putin ist zu erwarten, dass er in Staaten, die er erobern würde, sein totalitäres System einführen würde. Akut bedroht ist das Baltikum. Aber auch Trumps Autoritarismus ist für Staaten, die von ihm strategisch abhängig sind, Besorgnis erregend.

Trump macht klar, dass er keine Hemmungen hat, auf die inneren politischen Verhältnisse anderer Staaten Einfluss zu nehmen. Neustes Beispiel ist seine verbale Attacke gegen Israels Justiz. Die „Frankfurter Allgemeine“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 30. Juni 2025:

„Der amerikanische Präsident Donald Trump hat Israels Justiz vorgeworfen, mit dem Korruptionsverfahren gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Bemühungen um ein Abkommen im Gazakrieg und mit Iran zu behindern. „Das ist eine POLITISCHE HEXENJAGD, ganz ähnlich wie die Hexenjagd, die ich erdulden musste“, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social. „Diese Farce von ‚Gerechtigkeit‘ wird sowohl die Verhandlungen mit Iran als auch mit der Hamas beeinträchtigen.“ Gegen Israels Regierungschef Netanjahu läuft seit fünf Jahren ein Korruptionsprozess. Er ist wegen Betrugs, Untreue und Bestechlichkeit angeklagt. „Es ist Wahnsinn, was die außer Kontrolle geratenen Staatsanwälte Bibi Netanjahu antun“, schrieb Trump weiter. Netanjahus Spitzname Bibi ist eine Kurzform seines Vornamens.“

Weitere Beispiele: Trumps Vizepräsident J. D. Vance empfahl vor der deutschen Bundestagswahl die Wahl der AfD. Der neue, nationalkonservative Staatspräsident Polens kann seinen knappen Wahlsieg dem Umstand zu verdanken haben, dass Trump den Wählerinnen und Wählern mitteilte, er erwarte von ihnen die Wahl dieses Kandidaten. Wenn nur ein kleiner Teil der Wählenden zur Ansicht gelangte, Polen müsse Trump zu Willen zu sein, damit er im Fall eines russischen Angriffs nicht auch Polen, wie die Ukraine, militärisch im Stich lasse, kann dies wahlentscheidend gewesen sein.

Trump will die Europäische Union als Gemeinschaft freiheitlicher Demokratien schwächen. Deshalb betrachtet und behandelt er Viktor Orban als politischen Verbündeten.

Trump behandelt das freiheitliche, demokratische Europa offensichtlich als „Einflusszone“. Man muss Trumps Innenpolitik beobachten, um sich vorzustellen, wie sich ein europäischer Staat entwickeln kann, wenn von Trump favorisierte und unterstützte Kräfte an die Regierungsmacht kommen. Aktuell lesenswert hierzu die Schwerpunktbeiträge zu Trumps Kampf gegen die Universitäten in „Le Temps“ vom 30. Juni 2025:

„Depuis l’arrivée au pouvoir de la nouvelle administration Trump, le monde de la recherche américain fait face à de violentes attaques. Coupes budgétaires drastiques et censure de certains thèmes de recherche – notamment sur le genre, la santé publique et l’environnement – minent la communauté scientifique. Une des préoccupations des chercheurs suisses concerne l’avenir des données de recherche. Celles qui sont générées ou stockées aux Etats-Unis vont-elles devenir inaccessibles ou cesser d’être produites? Faudrait-il prévoir des programmes de sauvegarde d’urgence?“ (Link)

Siehe auch:

„Magdalena Martullo-Blocher: ‚Die Republikaner arbeiten in der Schweiz eigentlich nur mit der SVP zusammen'“ (Link)

„Trump und die schweizerische Europapolitik“ (Link)

 

 

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

1 Kommentar

  1. Liberale Demokratien verschreiben sich der Freiheit und Toleranz. Die Rückseite davon ist, dass diese freiheitlich orientierten Demokraten Mühe bekunden Grenzen zu setzen. Anzeichen von Totalitarismus müssen frühzeitig erkannt und unterbunden werden, ohne selbst in Verdacht zu kommen totalitär zu sein. Ein schwieriger, aber gerade in einer reifen Demokratie durchaus machbarer Weg.

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Sind demokratische Sozialstaaten fähig, auf Kriegswirtschaft umzustellen?

Für Putin ist die Umstellung auf Kriegswirtschaft kein politisches Problem. Niemand kann dagegen opponieren. Wer einen Mucks macht, verschwindet im Gefängnis oder Straflager. Nun fordert Trump von den demokratischen Sozialstaaten Europas eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 5 Prozent des Brutto-Inlandprodukts. Das könnte sie destabilisieren – was Trump, der ein anderes Europa will, wohl durchaus passen würde.

Weiterlesen »

Abnützung an der Macht erleiden auch die Stärksten – ausser in der Schweiz?

In Demokratien ist Abnützung an der Macht ein offenbar unausweichliches Schicksal – auch und gerade der Stärksten. Es traf Winston Churchill und Charles de Gaulle. Nun erleben wir das Ende der Ära Merkel. Machtverlust droht dann auch ihren Parteien: Auf Churchills konservative Regierung folgte die Labour-Regierung unter Clement Attlee. Was steht der CDU bevor? Die Schweiz scheint auch in dieser Beziehung ein glücklicher Sonderfall zu sein. Wirklich?

Weiterlesen »