Sie befinden sich hier:

Bundesratswahl: Regierungsbeteiligung ist nicht immer erstrebenswert

„Grünliberale, bitte angreifen!“ ruft ihnen Fabian Renz im Tages-Anzeiger zu (5.2.25). Sie sollten eine echte Auswahl schaffen, da das Bundesratsticket der Mitte nicht überzeuge.

Der Entschluss einer Partei, sich an einer Regierung beteiligen zu wollen, setzt die Erwartung voraus, in dieser Regierung erkennbaren Einfluss im Sinne des eigenen Programms nehmen zu können. Die deutsche FDP hat ein Beispiel dafür gegeben, wie es zum Niedergang einer Regierungspartei führen kann, eine Regierungspolitik mitverantworten zu müssen, die massgeblich von Parteien mit wesentlich anderen Programmen und Weltanschauungen bestimmt wird. Eine Juniorpartnerin läuft dadurch Gefahr, Teile ihrer Basis zu verlieren. Christian Lindner sagt jetzt, die FDP habe die Ampel zu spät verlassen. Die österreichische liberale Neos-Partei setzte sich dieser Gefahr nun schon gar nicht erst aus.

Zur Freude weiter Kreise des schweizerischen Bürgertums wurde der Bundesrat zu einer Art Koalitionsregierung von SVP und FDP. Zwei SVP- und zwei FDP-Mitglieder bestimmen die Regierungspolitik, mit Ausnahme der Beziehungen zur Europäischen Union, eines Störfaktors, den die beiden Parteien und die sie unterstützenden Wirtschaftsverbände schon in den Wahlen 2023 so gut wie möglich verdrängten.

Wer jetzt neu in den Bundesrat gewählt wird, muss wissen, wie sie oder er mit der Koalitions-Realität umgeht, und wie es sich auf die Partei auswirkt. Es lag deshalb nahe, dass die Mittepartei zwei Männer vom rechten Parteiflügel vorschlagen würde. Das hat sie nun auch getan. Der Gewählte hätte kaum Probleme, die Führungsgruppe Keller-Rösti-Parmelin-Cassis zu einem Fünferteam zu erweitern.

Das Regierungssystem wird sich dadurch weiter von Konkordanz zu Koalition entwickeln. Die Aufgabe sozialdemokratischer Regierungsmitglieder, eine bürgerliche Regierungspolitik zu vertreten, würde sie in wachsenden Dissens mit Führung und Basis ihrer Partei führen. Vor allem Bundesrat Beat Jans erfährt dies in der Migrations- und Asylpolitik schon jetzt. Der Moment kann kommen, da sich die SP entscheiden muss, die Konsequenz aus dem Niedergang des Konkordanz- und des Kollegialprinzips zu ziehen. Zu einem Koalitionssystem gehört eine grosse Opposition aus einer oder mehreren Parteien, die anstrebt, als bestimmende Kraft in einer anderen Koalition in die Regierung zurückzukehren.

So verständlich die Unzufriedenheit mit dem Ticket der Mittepartei ist – die Grünliberalen dürften zu Recht „kä Luscht“ haben, sich um Einsitz in diesen Bundesrat zu bewerben.

 

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Werden geflohene Afghaninnen je zurückkehren können?

Zum Streit um den Familiennachzug geflohener Afghaninnen: Wer wagt eine Prognose, wann sie in ihre Heimat zurückkehren können? Und somit: Wie lange will man ihnen zumuten, ohne ihre engsten Angehörigen leben zu müssen? Nichts, aber auch wirklich gar rein nichts lässt einen Machtverlust der Taliban und damit eine Wiederherstellung der Frauenrechte in Afghanistan erhoffen oder gar vorhersehen.

Weiterlesen »

„Sonderfall Schweiz“: Ein Land ohne Regierungspartei

FDP-Präsidentin Petra Gössi im „Blick“-Interview vom 6.1.2020: „Wir müssen kämpferischer werden, frecher auftreten und unsere Leute müssen wieder lernen, für ihre Überzeugungen mehr hinzustehen und zu kämpfen. Wir werden auch vermehrt Referenden ergreifen müssen, um Mitte-links-Vorlagen zu bekämpfen.“ – Der Druck des Systems, das absurderweise als „Konkordanz“ bezeichnet wird, ist unwiderstehlich: Keine Partei kann sich mehr als Regierungspartei verstehen.

Weiterlesen »

Vielen KMU bereiten die Beziehungen Schweiz-EU schwere Sorgen

Schweiz-Europa muss zum Wahlkriterium werden – auch weil die Erschwerung des Zugangs zu den Märkten der EU eine der drei grössten Sorgen der Schweizer KMU ist, wie die neue, sechste KMU-Mittelstandsstudie* berichtet (am 13.9.23 von Kearney, Raiffeisen, swiss export und Angst+Pfister AG unter dem Titel „Der Optimismus schwindet“ publiziert).

Weiterlesen »