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Warum wurden die Eisenbahnschienen zum KZ Auschwitz nicht bombardiert?

Die Frage treibt Menschen, die sich mit dem Holocaust, der Shoa befassen, immer wieder um: Weshalb wurden die Eisenbahnschienen vor dem Konzentrationslager Auschwitz nicht bombardiert? NZZ-Redaktor Andreas Ernst schreibt, der Verdacht habe nie ganz ausgeräumt werden können, „dass der Versuch einer Rettung der Juden auch deshalb unterblieb, weil sie Juden waren“ (NZZ 25.1.2020, S. 7). Grund genug, Erklärungsversuchen nachzugehen.

Aus einer Webseite der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem:

„Im Mai 1942 sendete die BBC in London glaubwürdige Meldungen über die Ermordung polnischer Juden, die einen Monat später, am 26. Juni, erneut ausgestrahlt wurden. Diese Informationen, die die freie Welt erreichten, waren exakt und leicht verständlich. Im Dezember 1942 sprachen die Alliierten eine gemeinsame öffentliche Warnung aus, in der sie die Deutschen für die Ermordung der Juden in Europa verantwortlich machten. Dennoch blieb das entscheidende politische Konzept von Staatsmännern und Militärs, den Schwerpunkt auf den militärischen Sieg zu legen. In der Beendigung des Krieges sah man gleichzeitig das Ende der systematischen Ermordung der Juden.

Eine ähnliche Begründung wurde auch denjenigen gegenüber angeführt, die die Alliierten wiederholt anflehten, die Gaskammern und Krematorien im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und die dorthin führenden Schienen zu bombardieren. Diese Bitten wurden von britischen und amerikanischen Regierungsstellen eins ums andere Mal mit der Behauptung zurückgewiesen, dass eine Bombardierung der Gaskammern massive Ressourcen erfordere („eine Unterstützung aus der Luft, die für den Erfolg unserer Streitkräfte, die mit entscheidenden Einsätzen beschäftigt sind, unentbehrlich ist“). Zudem könne eine wirkungsvolle Bombardierung den gegenteiligen Effekt erzielen, da Deutschland seine Haltung gegenüber den Juden verschärfen könnte. Im Juni 1944 machten amerikanische Flugzeuge eine Reihe von Luftaufnahmen über Industriefabriken in der Gegend von Auschwitz, auf denen die Tötungsvorrichtungen gut zu sehen waren. Am 20. August wurden Bomben auf eine Fabrik unweit der Gaskammern abgeworfen. Die Gaskammern an sich wurden nicht bombardiert.“

*

2004 erschien im „Spiegel“ ein Artikel von Hans Michael Kloth unter dem Titel „Warum bombardierte Stalin die Gleise nach Auschwitz nicht?“ „Alles, was getan werden musste, war, die Bahnlinien zu bombardieren“, habe Benjamin Netanjahu, damals bereits Ministerpräsident Israels, im April 1998 bei einem Besuch in Auschwitz geklagt – eine Forderung, die jüdische Organisationen schon im Mai 1944 an die Regierungen in Washington und London gerichtet hätten.

Autor Kloth weist darauf hin, dass Bombardierungen damals noch nicht so präzis möglich waren wie heute. Am 24. August 1944 US-Bomber in einem Präzisionsangriff eine unmittelbar an das KZ Buchenwald grenzende Rüstungsfabrik zerstört. Ihren Bomben seien auch 315 Häftlinge zum Opfer gefallen. US-Präsident Franklin D. Roosevelt habe befürchtet, dass bei einer Bombardierung der Schienen oder des KZ selber auch jüdische Gefangene zu Tode kämen, und dass dies propagandistisch gegen Roosevelt eingesetzt würde: „Das Morden lasse sich ohnehin nicht unterbinden, glaubte Roosevelt: ‚Alles, was die Nazis tun werden, ist, das KZ nur ein kleines Stück die Straße hinunter zu verlegen‘, soll FDR die Idee einer Attacke auf Auschwitz weggewischt haben, wie John McCloy, damals Unterstaatssekretär im US-Kriegsministerium, einem (2002) aufgetauchten Tonband anvertraute.“

Nicht alle jüdischen Organisationen waren laut Kloth für einen Angriff auf die Lager. Der Vorstand der Jewish Agency habe am 11. Juni 1944 beschlossen, „den Alliierten nicht vorzuschlagen, Orte anzugreifen, an denen sich Juden aufhalten“.

Früher als die Westalliierten seien die sowjetischen Truppen in Luftangriffsnähe zu Auschwitz gewesen. Deshalb sei mit dem Historiker Jeffrey Herf von der University of Maryland auch der Frage nachzugehen, weshalb Stalin keinen Angriff befohlen habe. Hierzu Danny Orbach und Mark Solonin: „Calculated Indifference: The Soviet Union and Requests to bomb Auschwitz“.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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