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„Sterben lassen!“ – Höchste Zeit, sich dieser Forderung zu stellen.

„Sterben lassen!“ Bis jetzt wurde diese Forderung meist erst zurückhaltend vertreten. Jetzt kommt sie enttabuisiert und knüppeldick daher: „Es gehen Milliarden von Franken verloren für ein paar Hundert weniger Tote“ (Sami Sawiris, Hotel Chedi Andermatt, in der SonntagsZeitung vom 3.5.20). „Ab jetzt darf es nur noch eine Richtung geben: zurück zu einer neuen Art der Normalität, die so wirtschafts- und damit auch lebensfreundlich ist wie nur möglich“ (Andreas Kunz, Redaktionsleiter desselben Blattes).

Mit ins Lagebild gehört der Post eines Facebook-Freunds, der bei einem Einkauf in einem Supermarkt Verhalten und Äusserungen von Kunden beobachtete und zum Schluss kam, die Bevölkerung werde sich einen zweiten Lockdown nicht bieten lassen.

Man wird der kruden Forderung nach Sterbenlassen nur Schranken setzen können, wenn man anerkennt, dass die Einschränkungen des Gesellschafts- und Wirtschaftslebens und erst recht ein Lockdown tatsächlich schwere Schäden verursachen. Ein Teil der Menschen, die arbeitslos werden oder ihre Geschäftstätigkeit aufgeben müssen, verzweifeln und verarmen, werden krank, nehmen sich das Leben. Jugendliche, die nicht in Lehre und Erwerbsleben eintreten können, geraten in irreversible Fehlentwicklungen.

Schutz der Gesundheit und des Lebens darf sich nicht auf Schutz vor Corona beschränken, aber sie darf diesen auch nicht ausschliessen.

Die Entscheidung beschränkt sich auch nicht darauf, den Risikogruppen einfach das Sterben zuzumuten, sondern man muss sich auch bewusst sein, was für ein Sterben das Sterben an Corona ist: Ein einsames, oft qualvolles.

Populisten mögen Entweder-Oder-Inszenierungen, und Auseinandersetzungen „Wir gegen die Andern“. Corona-Populismus heisst: Alles für die Wirtschaft, Tod für die, die sowieso bald sterben müssten. Wir, die Leistungsträger, gegen sie, die ihr Leben gelebt haben.

Die Hoffnung auf eine humane, an Individualismus und Grundrechten festhaltende Politik besteht darin, dass mit wachsender Erfahrung differenziertere Konzepte in Kraft gesetzt werden können.  Dies muss mit allen Kräften gefördert werden. Die Schutzkonzepte für die jetzt angeordnete Öffnung weisen in die richtige Richtung, auch wenn das Vorgehen durchaus kontrovers ist.

*

p.s.:

„Wer an Covid-19 stirbt, hätte nicht mehr lange zu leben gehabt? Berechnungen zeigen nun, wie falsch diese Vermutung ist: Männer verlieren durchschnittlich 13 Jahre Lebenszeit, Frauen elf. (…) Forscher der Universität im schottischen Glasgow haben gemeinsam mit der Gesundheitsbehörde des Landes diese Annahmen in einer Studie überprüft. Dabei konzentrierten sich die Forscher bei ihren Modellrechnungen auf Menschen mit Herzerkrankungen wie Rhythmusstörungen oder Herzinsuffizienz sowie Patienten mit Schlaganfall, Bluthochdruck, Diabetes, Demenz, COPD, Krebs, Leberversagen und Nierenerkrankungen.“

(Link zum Bericht des Tages-Anzeigers.)

Hier noch die offizielle Publikation der Forschungsgruppe:

https://wellcomeopenresearch.org/articles/5-75/v1

Und eine Publikation aus einer wissenschaftlichen Plattform:

https://www.sciencetimes.com/articles/25448/20200424/covid-19-patients-losing-13-years-lives-average-study.htm

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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