Sie befinden sich hier:

Der Direktor der KZ-Gedenkstätte Auschwitz zur Gefahr des heutigen Rechtsextremismus

Ein Interview im Tages-Anzeiger vom 6.1.25 fügt sich zu Warnungen Verantwortlicher deutscher KZ-Gedenkstätten vor Geschichtsrevisionismus, und Warnungen aus dem Kreis der Nachkommen des Widerstandes gegen Hitler.

Aus dem Interview, das Christof Münger, Leiter des Ressorts International des Tages-Anzeigers, mit Piotr Cywiński, Direktor der KZ-Gedenkstätte Auschwitz führte (erschienen im Tages-Anzeiger vom 6.1.25):

„(…)

Was denken Sie über den Aufstieg rechtsradikaler Parteien wie der AfD in Deutschland oder der FPÖ in Österreich? Letztere wurde von ehemaligen Nationalsozialisten gegründet.

Diese Entwicklung ist sehr gefährlich. Dabei geht es in erster Linie um die Zunahme des Populismus in unseren Gesellschaften. Es ist schwierig, wenn Politiker komplexe Sachverhalte nicht mehr erklären können. Oder wenn sie nur auf Umfragen schielen und die nächsten Wahlen im Kopf haben. Populisten nützen solche Schwächen aus und bieten zu einfache Lösungen an.

Mit welchen Folgen?

Wenn wir uns auf eine seriöse Diskussion mit Populisten einlassen, verlieren wir immer. Unterdessen haben wir in Europa den Blick für die politische Zukunft etwas verloren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es wichtige Präsidenten und Premierminister, politische Persönlichkeiten, die sich nicht um Tweets und Likes kümmerten, sondern für etwas standen.

Zum Beispiel?

Konrad Adenauer, Charles de Gaulle oder auch Helmut Kohl. Selbst Margaret Thatcher gehörte dazu. Oder Tadeusz Mazowiecki in Polen. Es gab einen seriösen politischen Dialog über die Welt, wie wir sie wollen. Den haben die sozialen Medien zerstört.

Björn Höcke, einer der führenden Köpfe der AfD in Deutschland, nannte das Holocaust-Mahnmal in Berlin «Denkmal der Schande» und forderte eine «180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik». Oder Alexander Gauland, Ehrenvorsitzender der AfD, hat die Herrschaft der Nationalsozialisten als «Vogelschiss in der Geschichte» bezeichnet. Erschrecken Sie solche Äusserungen?

Ich bin Historiker, nicht Psychologe.

(…)

Ist so etwas wie Auschwitz in der Gegenwart oder in der Zukunft wieder möglich?

Sicher, da braucht es nicht allzu viel. Es reicht, ein paar Verrückte zu haben, die eine opportunistische Ideologie entwickeln und eine frustrierte Gesellschaft davon überzeugen, andere Menschen zu zerstören. Das war schon immer so.

War diese Gefahr seit 1945 jemals so akut wie heute?

Nein, zumindest nicht in Europa. Aber stellen Sie diese Frage in Ruanda, im ehemaligen Jugoslawien, in Syrien oder Myanmar. Dann erhalten sie eine andere Antwort. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Die Fremdenfeindlichkeit und die einfachen Lösungen, die propagiert werden, sind jedoch vergleichbar. Und die Welt schweigt, wenn es zur Katastrophe kommt, so wie damals.

(…)“

*

Beispiel für Warnungen aus deutschen Gedenkstätten: Siehe die Homepage Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora – Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Siehe auch:

„Nachfahren von WiderstandskämpferInnen gegen die Nazis warnen vor Rechtsextremisten, insbesondere vor der AfD“ (Link)

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Wie stellen wir uns Krieg vor?

Petra Ramsauer war 22 Jahre lang Kriegsreporterin. In einem Interview mit dem Tages-Anzeiger (19.12.20)* stellt sie fest: „Die grossen Verlagshäuser zahlen immer weniger für Reportagen aus Krisengebieten.“ Das wirft die Frage auf, wie wir uns Krieg vorstellen; ob und wie Generationen, die in Europa keinen Krieg mehr näher als Ukraine, Bosnien und Kosovo erlebt haben, ein realitätsnahes Kriegsbild bekommen könnten.

Weiterlesen »

Die Sprache des Dritten Reiches

Nach einem ZDF-Interview mit AfD-Meuthen empfiehlt Hans Hütt in der „Frankfurter Allgemeinen“ dem Interviewer, „Lingua Tertii Imperii“, Victor Klemperers Analyse der Sprache des Dritten Reiches zur Hand zu nehmen.

Weiterlesen »

Leiden unter Mächtigen und unter verführten Massen

PolitReflex stellte Ernst Wiecherts zeitgeschichtliche Romane „Das einfache Leben“ und „Missa sine Nomine“ vor, und nun werfen wir einen Blick in sein zweibändiges Werk „Die Jeromin-Kinder“. Anlass dafür ist, dass sich am 24. August dieses Jahres zum 75. Mal Wiecherts Todestag jährt. Der Schriftsteller verbrachte seine beiden letzten Lebensjahr in Uerikon in der Zürichseegemeinde Stäfa. Die Lesegesellschaft Stäfa wird einen Gedenkanlass durchführen.

Weiterlesen »