Sie befinden sich hier:

Die zweiten Ständerats-Wahlgänge in den Kantonen Aargau und Zürich

Die Mehrheit der Wählenden in den Kantonen Aargau und Zürich wollte keine männliche Doppelvertretung im Ständerat, und sie wies exklusive Ansprüche auf Bürgerlichkeit und Liberalität zurück.

Im Kanton Aargau wurde Marianne Binder-Keller (Mittepartei), im Kanton Zürich Tiana Angelina Moser (Grünliberale) gewählt. Die unterlegenen Gegenkandidaten gehören der SVP an und wurden durch die Parteileitungen der FDP unterstützt.

Ich gehe im Folgenden auf den Wahlausgang im Kanton Zürich ein, in dem ich gewählt habe.

Wie schon 2007, als Verena Diener gegen Ueli Maurer gewann, liessen sich auch diesmal grosse Teile der freisinnigen Basis nicht vom Anspruch der Führungen von SVP und FDP leiten, dass es ausserhalb dieser Parteien keine Liberalität und keine Bürgerlichkeit gebe. Die Niederlage des Kandidaten Gregor Rutz ist nicht nur seine persönliche, sondern mindestens ebenso die seiner Partei. Radikalisiert, wie sie sich hat – unter jahrzehntelanger, massgeblicher Mitwirkung Gregor Rutz‘ -, ist sie in den mehrheitlich bürgerlichen Kantonen Aargau und Zürich nicht mehrheitsfähig.

Das Bemühen, die Grünliberalen in einen Tiegel mit SP und Grünen zu werfen, verfing nicht. Gewiss gibt es ernste Meinungsverschiedenheiten und Interessengegensätze zwischen FDP und Grünliberalen, aber eine Mehrheit der Wählenden hat akzeptiert, dass die Grünliberalen ein eigenes Profil entwickelten, dem Liberalität nicht abzusprechen ist. Auch Warnungen vor den Einschränkungen, die eine ökologische Politik den Individuen zumutet, schreckten keine Mehrheiten vor der Wahl der grünliberalen Kandidatin ab. Ein namhafter Teil der liberalen Wählerinnen und Wähler hält eine wirksame Klimapolitik für nötig und erwartet eine solche auch von der FDP.

Den Gegensätzen zu den Grünliberalen standen massive Gegensätze zur SVP entgegen. Sie wurden hier dargelegt: „Was Teile der FDP von der SVP trennt“ (Link). Mag sein, dass auch der Erfolg der SVP in den Nationalratswahlen eine Rolle spielte, wenn Wählerinnen und Wähler diese Partei nicht noch weiter stärken wollten und deshalb das Trennende stärker gewichteten als das Verbindende, das die FDP-Leitung geltend machte.

Die Wahlergebnisse in den Kantonen Aargau und Zürich sind auch europapolitische Signale an Parlament und Bundesrat: Die Blockadepolitik, die die SVP in „unheiliger Allianz“ mit den Gewerkschaften treibt, ist nicht mehrheitsfähig. Eine Volksabstimmung über eine neue Vertragsgrundlage für guten Zugang der Schweiz zu den Märkten und Kooperationen im Raum der Europäischen Union darf und soll gewagt werden.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Ist die direkte Demokratie der Schweiz exportfähig?

„Die Welt muss verschweizern“, titelt die Weltwoche (18.8.22): „Der direkten Demokratie gehört die Zukunft.“ Übernahme-interessierten Staaten würde sich die Frage stellen: Ist direkte Demokratie auch mit verbindlicher Regierungsbeteiligung möglich?

Weiterlesen »

SVP und SP können sich weiter radikalisieren.

Nach einigen relativ schlechten Wahlergebnissen wird diskutiert, ob die Spitzen von SVP und SP mit der Radikalisierung dieser Parteien zu weit gingen. Auch Mitglieder der beiden Parteien treten für eine Mässigung ein. Aber solange die Parteiführungen die Zugehörigkeit zum Bundesrat für sachpolitisch bedingungslos halten, können sich beide Parteien weiter radikalisieren.

Weiterlesen »