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Russland in mehrteiligem Dilemma

Türkei gegen Griechenland, Aserbaidschan gegen Armenien, Bürgerkrieg in Libyen: Die russische Politik scheint in einem mehrteiligen Dilemma zu sein und operiert vorsichtig.

In Libyen scheint Russland einen Waffenstillstand zwischen den Bürgerkriegsparteien zuzulassen. Offenbar wollte oder konnte die Supermacht General Haftar nicht mit aller Kraft zum Sieg verhelfen – und damit der Türkei eine Niederlage zumuten.

Die Türkei erweckte eine Weile den Eindruck, an einer politischen und strategischen Partnerschaft mit Russland interessiert zu sein, und beschaffte unter anderem russische Fliegerabwehrraketen. Das schien für Russland Potenzial zur Schwächung des Westens zu haben.

Doch das Russland eines Putin, der sich mit der orthodoxen Kirche politisch versöhnt hat, versteht sich auch als Schutzmacht orthodoxen Christentums: Nicht nur in Serbien, sondern auch in Griechenland* – und eigentlich auch in Armenien. Zugunsten Griechenlands will der Kreml offenbar deutliche Signale an die Türkei abgeben. Wenn dieser Konflikt eskaliert, könnte sich Russland auf derselben Seite wiederfinden wie die EU, insbesondere Frankreich.

Gegenüber dem Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien verhält sich die Regierung Putin sehr zurückhaltend, kann aber nicht interessiert sein an einem siegreichen Aserbaidschan mit einer Schutzmacht Türkei, die sich, mit einer arabischen Staatengruppe und Iran rivalisierend, als Führungsmacht der islamischen Welt aufbauen will. Ein Erstarken des türkischen politischen Islams in ehemaligen Sowjetrepubliken zuzulassen, steht auch in Widerspruch zur Politik der harten Hand in Tschetschenien.

So mag Russlands Mässigung in Libyen dazu bestimmt sein, die Verschlechterung der Beziehungen zur Türkei, die in den beiden anderen Konflikten angelegt ist, zu begrenzen.

*

*  „(…) Unbestritten ist, dass die zahlreichen Konflikte mit türkischer Beteiligung eine für Ankara gefährliche Dynamik entfalten. So stärkte Russland, dessen Unmut über das türkische Engagement im Südkaukasus wächst, jüngst Zypern und Griechenland mehrfach den Rücken.

Als bedeutungsvoller Fingerzeig erinnerte ein Tweet des Aussenministeriums in Moskau am Dienstag an die Seeschlacht von Navarino 1827. Der damalige Sieg der Russen, Briten und Franzosen über die osmanische Marine ebnete Griechenland den Weg in die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Beim Besuch des russischen Aussenministers Sergei Lawrow in Athen am Montag wird das östliche Mittelmeer nicht unerwähnt bleiben.“

(Link zum Bericht von Volker Pabst: „Griechenland hat mehr Freunde als die Türkei und weiss das zu nutzen“, NZZ 23.10.2020.)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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