Es ist ja wahr: Der Schweiz geht es besser als fast allen Ländern dieser Welt. Dazu wollen wir Sorge tragen – aber bitte ohne zu verkennen, dass wir dies nicht nur überlegener individueller und kollektiver Leistungsfähigkeit verdanken. Dank Glück und Schläue* konnte die Schweiz unversehrt in die Nachkriegszeit starten – mit einem enormen Wettbewerbsvorteil. Und Europa hat der Schweiz mit einer Bereitwilligkeit, die hierzulande zu Unrecht für selbstverständlich genommen würde, bis heute eine Sonderstellung zugestanden – nicht immer durchwegs uneigennützig, wenn man etwa bedenkt, dass Reiche, Einflussreiche und sogar mindestens eine Regierungspartei (die CDU) unser Land als Hort von Schwarzgeld schätzten. Jetzt aber geht anscheinend die Bereitschaft zurück, die glückliche Schweiz besser zu stellen als andere Länder, die der EU nicht angehören.
Entwicklungen bei der NZZ und ihrem Sonntagsblatt bereiten Sorgen, aber sie haben noch immer Redaktorinnen und Redaktoren, die die Reformfähigkeit der Schweiz mit höchst relevanten Interventionen voranbrächten – so sie denn Gehör fänden. Zwei Beispiele aus der NZZ vom Samstag, 8. Mai 2021:
Wirtschaftsredaktor Hansueli Schöchli: „Streit um EU-Vertrag: Die Schweizer Lebenslügen und die Illusion einer Fitnesskur für die Wirtschaft“ (Link).
Bundesgerichtskorrespondentin Kathrin Alder: „Peinliche Schweizer Strafjustiz: Der Sonderermittler Stefan Keller muss sein Amt abgeben“ (Link).
Autor und Autorin legen die Ursachen des Versagens offen. Sie zeigen damit den Reformbedarf auf. Aber was nützt’s, solange wir uns so viel besser finden als das Ausland?
* „Wenn die Schweiz ein Wappentier hätte, wäre es der Fuchs, nicht der Igel“ (Link)