Nun stehen wir also an der Schwelle zu einem wieder freieren Leben – von dem wir nicht wissen, von welcher Dauer es sein wird. Denn diese Schwelle ist auch diejenige zur zweiten Infektionswelle. Fast alle rechnen mit einer solchen, aber die Erwartungen, wie stark sie sein wird und welche Massnahmen in ihrer Folge getroffen werden müssen, gehen weit auseinander. Wird es genügen, die Neuinfektionen mit Tracing-App und Quarantäne einzudämmen, oder werden Öffnungen zurückgenommen, droht sogar ein neuerlicher Lockdown?
Der Druck aus Gesellschaft und Wirtschaft auf die Behörden, die Schäden des Lockdowns gegenüber denjenigen der Pandemie stärker zu gewichten, wurde übermächtig. So verständlich er ist, so riskant ist er auch. Er wird sich auch auf die Reaktionen auf die zweite Welle auswirken. Gut möglich, dass dann mehr Corona-Todesfälle in Kauf genommen werden, obwohl dass das Sterben an Corona oft ein einsames und qualvolles ist. Trotzdem wird immer stärker ins Gewicht fallen, dass auch der ökonomische und soziale Absturz wachsender Teile unserer Bevölkerung gesundheitsschädigend ist und lebensgefährlich werden kann. (Lesenswert hierzu ein Meinungsartikel der NZZ-Wissenschaftsredaktorin Stephanie Lahrtz vom 29.4.20: Link.)
Die Coronakrise stellt Grundlegendes in Frage. Wie werden sich Staatsverständnis und Ordnungspolitik entwickeln? Der Überdruss ob der Einschränkungen und ihrer Folgen wird in einem Teil der Bevölkerung Staatsverdrossenheit aufbauen. Anderseits wird es einer Privatwirtschaft, die massiv durch Steuergelder unterstützt wird, und den politischen Kräften, die sich für sie einsetzen, nicht leicht fallen, zu einer liberaleren Wirtschaftsordnung zurückzukehren und neues Vertrauen in eine solche zu schaffen.
Wie verändern sich die Generationenbeziehungen? Menschen im dritten und vierten Lebensalter werden derzeit nicht mehr nur durch junge Mitbürgerinnen und Mitbürger für eine kranke Umwelt, für eine weiter voranschreitende Erderwärmung verantwortlich gemacht. Offenbar sehen nicht wenige Angehörige der Generationen vor dem dritten Lebensalter nun die Ursache des Niedergangs der Wirtschaft und des drohenden Zerbrechens von Zukunftsentwürfen bei den Alten und Hochaltrigen: In einem Lockdown, der Risikogruppen, vorab die grosse Gruppe über 65 Jahren, schützen sollte. Allerdings hätten viele Menschen des dritten Lebensalters gar nicht durch einen solchen Lockdown geschützt werden wollen. Sie hätten sich zugetraut, sich selbstverantwortlich zu schützen, durch Beachtung der Verhaltensempfehlungen.
Vor Corona hatte hohe Priorität, zu fördern oder zu fordern, dass mehr Menschen im dritten Lebensalter länger aktiv bleiben: Das Rentenalter sollte erhöht und flexibilisiert werden, Rentnerinnen und Rentner sollten sowohl Enkel als auch Hochaltrige betreuen. Die demografische Entwicklung, die hierfür spricht, ist weiterhin im Gang, und es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich diese Erwartungen auf die nun corona-infizierten Generationenbeziehungen auswirken werden.