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Nazi, Faschist, Stalinist, Kolonialist: Über die Schwierigkeit, mit Vergangenem zu vergleichen

Historische Fehler und Verbrechen könnten erneut begangen werden. Um dies zu verhindern, müssen Entwicklungen, die dazu führen können, angesprochen und bekämpft werden. Aber Gleichsetzung ist ahistorisch, führt in die „Keule“-Falle und ist deshalb politisch kontraproduktiv.

Wäre es kolonialistisch, Druck auf Brasilien, China und Indien auszuüben, damit sie mithelfen, eine globale Klimakatastrophe zu verhindern?

Niall Ferguson schreibt dazu: „Alle Anstrengungen, die sie von ihren eigenen Regierungen und Bevölkerungen erwarten, werden wirkungslos, wenn Brasilien und noch viel mehr Indien und China ihre Emissionen von CO2 und anderen Stoffen ungeniert steigern. Doch sogar Umweltschützer schrecken vor dem impliziten Kolonialismus zurück: Wenn Brasilien, Indien und China ihr übles Verhalten nicht bessern, müssen sie dazu gezwungen werden.“ (Aus: „Feiglingsspieler grillieren unseren Planeten.“ NZZ 27.8.19, S. 35.)

Kolonialismus? Immer wenn ein historisierender Vorwurf erhoben wird, lohnt es sich, den historischen Sachverhalt kurz in Erinnerung zu rufen. Kolonialismus war Anspruch und Tat, andere Länder zu beherrschen, zu regieren, auszubeuten. Die Kolonialmächte etablierten umfassende administrative und militärische Strukturen in den Kolonien. Man lese zum Beispiel George Orwells „Tage in Burma“ („Burmese Days“).

Klimapolitische Forderungen an Regierungen zu stellen, hat mit Kolonialismus nichts zu tun, auch nicht „implizit“. Vielmehr handelt es sich um das Austragen von Interessengegensätzen. Brasilien, China und Indien wissen sich zu wehren. Ein Hauptargument wird sein, dass es nicht angehe, von ihnen verlangen, dass sie darauf verzichten, das Wohlstandsniveau und den Lebensstil des Nordens anzustreben. Deshalb ist es so unvernünftig, in Ländern des Nordens eine wirksame Klimapolitik abzulehnen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass solche im Aufstieg begriffene Länder im eigenen Interesse Massnahmen für das Klima treffen.

Und wie verhält es sich nun mit der „Nazi-Keule“?

Rechtsextreme Gesinnung, der allfällige Aufstieg rechtsextremer Parteien und Politiker in Machtpositionen sind durchaus gefährlich für Demokratie, Grundrechte, humane Werte und liberalen Lebensstil, und gefährlich für Minderheiten. Aber man muss auch die Unterschiede zum historischen Phänomen sehen. Die heutigen Rechtsextremen haben keine kriegserprobten, frustrierten Soldaten und Offiziere, die nach äusserer und innerer Revanche dürsten und zu SA und SS formiert werden können. Revanchismus mag da und dort wieder aufkommen, je weiter Hitlers totale Niederlage zurückliegt. Sollte uns eine Wirtschaftskrise bevorstehen, kann sie – nicht nur in Deutschland – aggressiven Rechtsextremismus fördern. Aber die Völker Westeuropas haben mehr als ein halbes Jahrhundert des Friedens und eines relativen (wenn auch zum Teil einseitig verteilten) Wohlstands hinter sich. Es wird Rechtsextremisten schwer fallen, breite Unterstützung für eine Absage an diese Errungenschaften zu gewinnen.

Rechtsextremismus ist nicht zu verharmlosen. Aber die Unterschiede zur historischen Situation des Aufstiegs von Nationalsozialismus und Faschismus können zum Widerstand gegen ihn ermutigen.

Und was ist zur Stalinismus-„Keule“ zu sagen, die einige gegen die Klimabewegung schwingen? Man lese einfach ein wenig über Stalinismus nach. Daraus ergibt sich die Beurteilung: Absurd!

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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