Sie befinden sich hier:

Kriegsdenkmäler und Nachkriegs-Europa

Nach vielen Jahren konnten wir wieder eine Woche in London verbringen. Dabei fiel uns auf, wie wir auf Schritt und Tritt an Kriege erinnert werden, die Grossbritannien und kontinentaleuropäische Grossmächte über Jahrhunderte hinweg immer wieder gegeneinander führten.

Das bekannteste Denkmal mag dasjenige an Admiral Horatio Nelson auf dem Trafalgar Square sein. Auf vielen Denkmälern werden Heer- und Flottenführer, Soldaten, auch Frauen, geehrt, wird an Gefallene aller Dienstgrade mit Namen erinnert.  Auf einem Denkmal lesen wir auch Churchills Ehrung der Royal Air Force, nachdem sie im August 1940 in der Battle of Britain Hitlers Luftwaffe daran gehindert hatte, den Weg zu einer Invasion Grossbritannien freizubombardieren: „Never in the field of human conflict was so much owed by so many to so few“. Deutsch: „Noch nie in der Geschichte menschlicher Konflikte hatten so viele so wenigen so viel zu verdanken.“ Mehr dazu auf dieser Webseite des britischen Parlaments (Link).

*

Viel Anregung also, das Bewusstsein zu stärken, wie wertvoll die Friedensordnung grosser Teile Europas nach dem Zweiten Weltkrieg ist. Die politische und wirtschaftliche Gemeinschaft, aus der EWG hervorgegangen und weitergeführt in die EU, und die Mitgliedschaft fast aller europäischen Demokratien in der Nato lassen erneuten Krieg zwischen Grossbritannien und einem oder mehreren kontinentaleuropäischen Ländern, oder zwischen kontinentaleuropäischen Demokratien, sehr unwahrscheinlich erscheinen. Trotz Brexit steht auch Grossbritannien sicherheitspolitisch und militärisch an der Seite der kontinentaleuropäischen Demokratien. Putins imperialistische Politik stellt das einzige Kriegsrisiko dar.

*

Die Nachkriegsordnung der europäischen Demokratien ist auch in höchstem Masse im Interesse der Schweiz. Zwei Weltkriege zeigten ihr, wie gefährlich Krieg unter europäischen Mächten für sie ist. Und gegenwärtig muss sie mehr denn je feststellen, wie sehr sie im Verteidigungsfall auf Unterstützung durch Bündnis und Union europäischer Demokratien angewiesen ist – erst recht so ungenügend gerüstet, wie sie derzeit ist und zufolge der Kompromissunfähigkeit der Parteien wohl leider auf absehbare Zeit bleiben könnte.

Neue Kräfte, die in Europa an Regierungsmacht drängen, müssen daraufhin geprüft werden, ob sie sich für die Erhaltung dieser Friedensordnung einsetzen. Wer sie gefährden könnte, darf nicht als regierungsfähig akzeptiert werden.

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Allein gegen eine Supermacht?

Überlegungen, ob sich die ukrainische Armee gegen die russische behaupten könnte, veranlassten kürzlich jemanden zu einem Tweet, wenn man dies bezweifle, könne man auch gleich die Schweizer Armee abschaffen. Aber der Sinn einer nationalen Armee kann nicht darin bestehen, sich allein gegen eine angreifende atomare Supermacht zu verteidigen. Deshalb ist die Hoffnung des ukrainischen Präsidenten verständlich – wenn auch derzeit wohl nicht realistisch -, dass der Krieg gleich mit dem russischen Angriff zu einem europäischen würde.

Weiterlesen »

Abnützung an der Macht erleiden auch die Stärksten – ausser in der Schweiz?

In Demokratien ist Abnützung an der Macht ein offenbar unausweichliches Schicksal – auch und gerade der Stärksten. Es traf Winston Churchill und Charles de Gaulle. Nun erleben wir das Ende der Ära Merkel. Machtverlust droht dann auch ihren Parteien: Auf Churchills konservative Regierung folgte die Labour-Regierung unter Clement Attlee. Was steht der CDU bevor? Die Schweiz scheint auch in dieser Beziehung ein glücklicher Sonderfall zu sein. Wirklich?

Weiterlesen »