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Kriegs-Ende, Nachkriegs-Europas ungewisse Zukunft und die Schweiz

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa durch die am Vortag in Reims durch Generaloberst Alfred Jodl unterzeichnete vollständige Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Der Weg wurde frei für den Aufbau Nachkriegs-Europas.

Aus dem Artikel «Befreiung vom Nationalsozialismus und Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa» der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung (Link):

«Während die Alliierten bis Mitte April 1945 fast die gesamten nordwestlichen Reichsgebiete erobert hatten, begannen sowjetische Truppen am 16. April den Kampf um Berlin. Als sie am 30. April in die Stadtmitte vordrangen, beging Adolf Hitler im Bunker der Reichskanzlei Selbstmord. Zuvor hatte er Großadmiral Karl Dönitz als seinen Nachfolger bestimmt, der somit Reichspräsident und Oberbefehlshaber der Wehrmacht wurde.

In den letzten Kriegstagen versuchte Dönitz die Kapitulation gegenüber den sowjetischen Truppen hinauszuzögern, um möglichst vielen Deutschen die Flucht aus den Ostgebieten zu ermöglichen – allerdings ohne Erfolg. Am 7. Mai unterzeichnete der von Dönitz bevollmächtigte Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier der Alliierten in Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Sie trat am folgenden Tag um 23:01 Uhr in Kraft. In der Nacht zum 9. Mai wiederholten hochrangiger Vertreter aller drei Wehrmachtsteile den Akt der Kapitulation, dieses Mal gegenüber den Sowjets in deren Hauptquartier in Berlin-Karlshorst. Nach Moskauer Zeitrechnung erfolgte die Unterzeichnung in den frühen Stunden des 9. Mai, weshalb in Russland dieses Datum als Tag des Sieges gefeiert wird. Im Osten stellten sowjetische und deutsche Soldaten ihre Kämpfe erst drei Tage später endgültig ein.»

Eine verbrecherische Fremdherrschaft ging zu Ende – und es droht eine neue

Die Erinnerung an das Kriegsende ist untrennbar verbunden mit den Bildern von den Konzentrationslagern, die die alliierten Truppen einnahmen. Es sind Bilder des Grauens. Die Herrschaft der Nazis über grosse Teile Europas war nicht nur Fremdherrschaft, sondern auch Verbrechensherrschaft. Die von Hitler befohlene Judenvernichtung war in allen Teilen des besetzten Europas mit letzter Konsequenz und Brutalität durchgeführt worden.

Heute müssen wir uns wieder bewusst machen, dass Fremdherrschaft Verbrechensherrschaft bringen kann. Putin hat, anders als Hitler, kein Völkermord-Programm proklamiert, aber seine Gefängnisse sind voll von Menschen, denen er ihre Freiheit wegen ihrer Gesinnung raubt. Viele sterben darin. Andere lässt er auch ausserhalb Russlands verfolgen und umbringen. Den Krieg gegen die Ukraine führt er gegen die Zivilbevölkerung. Wenn das demokratische Europa nicht verhindern kann, dass er danach europäische Demokratien erobert, wird er Gewalt- und Verbrechensherrschaft und Ausbeutung über sie werfen.

Setzen wir uns für den Fortbestand des integrierten Nachkriegs-Europas ein!

Die europäische Geschichte war bis 1945 im Wesentlichen eine Kriegsgeschichte. Bis zum Ende des Feudalismus waren es Fürsten- und Söldnerkriege, nach der Entstehung der Nationalstaaten Volkskriege. Namen wie Napoleon I., Napoleon III., Wilhelm II., Adolf Hitler stehen dafür.

Der Aufbau eines Kerneuropas friedfertiger, kooperativer Demokratien, die freien Handel über ihre Grenzen hinweg zulassen, ist in der europäischen Geschichte etwas völlig Neuartiges. Diesen Durchbruch verdankt Europa auch der Weitsicht und Tatkraft der neuen Köpfe bisheriger Feindstaaten: Einem Charles De Gaulle, einem Konrad Adenauer.

Werden sich die Jahrzehnte eines integrierten, friedlichen, auf Recht und Demokratie basierten Kerneuropas als historische Ausnahme erweisen? Wird es durch Krieg und neue Gewaltherrschaft beendet? Leider ist es nicht mehr ausgeschlossen. Tun wir alles, was uns möglich ist, für seinen Fortbestand!

Die Interessenlage der Schweiz

Die Schweiz hat sich von der europäischen Integration ferngehalten, aber sie hat aus ihr Nutzen gezogen und ist an ihrem Fortbestand interessiert. Sie kann Waren und Dienstleistungen in die integrierten Länder ausführen, wie wenn sie ein Mitglied ihrer Union wäre. Immerhin hält sie Gegenrecht, bisher auch bezüglich Personenfreizügigkeit, und bezahlt Solidaritätsbeiträge.

Die Schweiz war auch nicht mehr mit Krieg zwischen ihren Nachbarländern konfrontiert, musste keine Truppen mehr mobilisieren und konnte auf den Schutz durch die Nato vertrauen. Wenn nun auch die Schweiz kräftig aufrüsten muss, zeigt dies, wie sehr sie – in dieser Hinsicht wohl allzu sehr – von Europas Nachkriegsordnung profitierte.

Ein Bewusstsein um das Interesse der Schweiz am Fortbestand der integrierten europäischen Nachkriegsordnung ist in der Auseinandersetzung um die künftige Beziehung der Schweiz zur Europäischen Union kaum erkennbar. Teile der Akteure setzen sogar auf den Niedergang der EU und sehen die Schweiz als prädestinierte Partnerin von Kräften um den ungarischen Premierminister Orban, die die EU zersetzen und zu einem Europa entfesselter Nationalstaaten, einem Europa des 19. Jahrhunderts zurückkehren wollen. Von grosser Bedeutung für die Schweiz wird sein, wie sich die Nachbarschafts- und Europapolitik der Gründerstaaten der EWG entwickelt. Würde die Schweiz besser fahren, wenn Deutschland, Frankreich, oder Italien sich von der EU und vielleicht auch von der Nato abwenden würde? Wenn die Schweiz wieder von rivalisierenden Mittelmächten umgeben wäre?

 

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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