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Grenzen der Misstrauenskultur. Ganz ohne Vertrauen sind Orientierung und Entscheidung unmöglich.

Ist Misstrauen wirklich der Inbegriff von Vernunft? Je misstrauischer, desto vernünftiger? Absolute Vertrauensverweigerung – Gipfel der Aufklärung? Wenn wir eigene Meinungen bilden und Einfluss nehmen wollen, sollten wir erarbeiten, wem wir stark vertrauen, wem weniger und wem gar nicht. Mit Irrtümern vertrauenswürdiger Personen und Stellen rechnen, ohne gleich das Vertrauen zu entziehen, aber bereit sein, aus enttäuschtem oder gar missbrauchtem Vertrauen Konsequenzen zu ziehen.

Viele sind stolz auf ihr Misstrauen. Aber es gibt wenige Menschen, die gar niemandem vertrauen. Oft ist augenfällig, dass Misstrauen gegen bestimmte verantwortliche Personen oder Stellen im Vertrauen in Andere wurzelt, in Vertreter bestimmter Gegenpositionen. Wer aber eine radikal misstrauische Grundhaltung hat, müsste wenigstens sein Misstrauen auf alle Positionen anwenden, die in einer Kontroverse vertreten werden.

Das Problem ist, dass wir gefordert sind, in einer stark arbeitsteiligen und wissensteiligen Gesellschaft Einfluss zu nehmen: Aktivbürgerinnen und Aktivbürger zu sein, direktdemokratisch zu partizipieren. Wenn wir denselben Massstab an verantwortungsbewusste Willensbildung und Einflussnahme anlegen wie im Privat-und Berufsleben, müssen wir uns eingestehen, dass wir dies nur können, wenn wir erarbeiten, wem wir in welchem Masse vertrauen. Sonst werden wir entweder entscheidungsunfähig oder fremdgesteuert: Gesteuert und umhergeschoben durch solche, die gerade Misstrauen schüren.

Vertrauen und Misstrauen sind keine Gegensätze. Ohne Vertrauen können wir nicht partizipieren. Aber das Gewähren von Vertrauen muss mit der Bereitschaft verbunden sein, mit Irrtum zu rechnen, Vertrauen in Frage zu stellen und wenn nötig zu entziehen.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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