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AfD-Spitzenkandidat stolz auf Nazi-Vergangenheit. Ende der Einbindungs-Illusion?

Kürzlich plädierte der Chefredaktor der NZZ für eine Einbindung der AfD. Ihre Ausgrenzung sei gescheitert. Umso bemerkenswerter, dass gerade die NZZ nun den Aufruf eines AfD-Spitzenmannes an die Deutschen ins Licht rückt, auf die Nazi-Vergangenheit stolz zu sein.

„AfD-Spitzenkandidat: ‚Vorfahren waren keine Verbrecher'“. Unter diesem Titel berichtet Susanne Gaschke, NZZ-Redaktorin in Berlin, in der Ausgabe vom 7.9.23 (Link).

Auszug:

„Der AfD-Politiker Maximilian Krah wirbt für seinen Blick auf die deutsche Geschichte. Den Nationalsozialismus blendet er dabei aus. Die Parteiführung sagt zu diesen Äusserungen nichts.

Der AfD-Politiker Maximilian Krah ist einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland erst bekannt, seit er auf dem AfD-Parteitag Ende Juli zum Spitzenkandidaten für die Europawahl nominiert wurde. (…)

Krah will die Christlichdemokraten, denen er selbst bis 2016 angehörte, zum Verschwinden bringen, er setzt auf ihre «Zerstörung». Auf der Internetplattform Tiktok spricht er gezielt jüngere ­und –interessanterweise – auch türkischstämmige Wähler an, zum Beispiel mit Slogans wie ‚Echte Männer sind rechts‘.

Am vergangenen Mittwoch postete Krah unter dem Hashtag «#AfD: Sei stolz auf #Deutschland» ein Video. Er sagt darin: «Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher. Wir haben allen Grund, stolz auf unser Land zu sein und auf die Menschen, die es aufgebaut haben. (. . .) Wenn du wiederentdeckst, was deine Vorfahren alles getan haben, dann wirst auch du dich aufrichten können und musst keine Angst mehr haben (. . .). Deshalb: Krieg’ mal raus, was Oma, Opa, Uroma und Uropa gemacht haben. Wo sie herkamen, was sie gekämpft und gelitten haben. (. . .) Sie haben gelebt und wollen jetzt, egal, wo sie sind, stolz auf dich sein. So wie du später stolz auf deine Nachfahren sein willst. Wenn du den Gedanken hast, dann geht es um mehr als um den Augenblick. Dann geht es um das grosse Ganze. Dann geht’s endlich um dich. Und um uns, als ein Volk.»

Krahs Abgeordnetenbüro hat die Echtheit des Videos bestätigt. Mit keinem Wort erwähnt der AfD-Spitzenkandidat die Verbrechen der Nationalsozialisten. (…)

Durch das Weglassen jeglicher Einordnung oder Relativierung sagt Krah letztlich mehr, als zu hören ist: Folgt man ihm, dann müsste man stolz sein auf Vorfahren, die nach 1933 die mühsam errungene Demokratie in Deutschland beseitigten. Die politische Gegner einsperrten, ausser Landes trieben oder umbrachten. Die Millionen von Juden verfolgten und mit deutscher Effizienz ermordeten. Die nahezu alle ihre Nachbarländer überfielen. Die im Zweiten Weltkrieg allein im Feldzug gegen die Sowjetunion für 25 Millionen Tote dort verantwortlich sind – Soldaten, Zivilisten, Kriegsgefangene. Die 4 Millionen deutsche Soldaten und 1,5 Millionen deutsche Zivilisten ihrer nationalsozialistischen Wahnidee geopfert haben.(…)“

Weder der AfD-Bundesvorstand, dessen Mitglied Krah ist, noch die AfD-Bundestagsfraktion wollten sich zu dem Video äussern oder sich davon distanzieren.“

Soweit Susanne Gaschke.

*

Bis dahin hielt man eine europäische Gemeinschaft rechtsextremer Parteien für möglich, die sich auf Beseitigung der Europäischen Union, Infragestellung der NATO, Migrationsbekämpfung ohne menschenrechtliche und humanitäre Schranken, „illiberale Demokratie“, Rücknahme der Gleichstellung von Geschlechtern und Minderheiten, unbegrenzte Freiheit für Hassrede und Diskriminierung, Anerkennung Putins als im Wesentlichen gleichgesinnten „eurasischen“ Führer, Ende der Ukraine-Unterstützung konzentrieren würde.

Wenn aber die AfD stolz auf den Nationalsozialismus ist, kann es eine Frage der Zeit sein, bis sie sich – nach Wort und Taten der Nazis – auch wieder gegen europäische Nachbarländer wendet und deutschen Militarismus wiederbelebt. Europa, einschliesslich der Schweiz, müsste allen Deutschen dankbar sein, welche die „Brandmauer“ gegen diese AfD weiter stützen wollen und ein „Scheitern der Ausgrenzung“ nicht hinnehmen.

Siehe auch:

„‚Einbindung‘ extremer Parteien – Voraussetzungen und Aussichten“ (Link)

Eric Gujer: „Die ratlose Republik – Warum Deutschland im Umgang mit der AfD überfordert ist“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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