Sie befinden sich hier:

Wie gehen wir mit publizierten Geheimdienstinformationen um?

„US-Geheimdienste glauben an Laborunfall“, berichtet der Tages-Anzeiger am 17.4.2020. Es geht um die Ursache der COVID-19-Pandemie. Das bietet Gelegenheit, sich zu fragen, wie man mit Informationen umgeht, die – angeblich oder wirklich – aus Geheimdienstquellen kommen.

An den Anfang gehört eine simple Feststellung: Geheimdienste arbeiten geheim. Man kann also nicht überprüfen, was sie herausgefunden haben oder behaupten. Man kann – und sollte – sich aber immerhin nach Plausbilität im Zusammenhang mit der allgemeinen Informationslage und insbesondere der Interessenlage befassen.

Warum treiben denn Geheimdienste überhaupt Öffentlichkeitsarbeit – wissend, dass alle wissen könnten, nicht überprüfen zu können, was da verbreitet wird? Die Vermutung liegt nahe, dass sie ihre Regierungen oder Teile des politischen Spektrums in ihrem Land unterstützen wollen – und vielleicht auch müssen, damit beauftragt sind.

Der erwähnte Artikel schliesst mit den Feststellungen: „Auch wenn harte Belege für die Darstellung fehlen, das Virus sei zuerst in einem Labor in Wuhan übertragen worden, dürften die Berichte darüber die antichinesische Stimmung in Washington anfachen. In konservativen Kreisen wächst seit Wochen die Wut darüber, dass Peking das Ausmass der Corona-Epidemie und die Gefährlichkeit des Virus zunächst vertuscht hat. Republikanische Politiker fordern, China dafür zu bestrafen.“ Wollen wir ausschliessen, dass es das Ziel dieser geheimdienstlichen Publizität ist, eben dies zu fördern?

Jedenfalls lohnt es sich, bei Berichten über Informationen aus Geheimdiensten um einige Ecken herum zu überlegen. Und ich habe mir abgewöhnt, zu glauben, dass ich Dinge wissen kann, die nur Geheimdienste wissen können…

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Der Niedergang der Beziehungen Schweiz-EU kann sich über Jahre hinziehen

„Cassis würde gescheiter mit Maillard als mit Šefčovič verhandeln“ (D. von Burg, SonntagsZeitung 19.6.22). Richtig. Aber die Gewerkschaften bewegen sich wohl erst, wenn sie nicht mehr umhin kommen, reale Nachteile von Marktanteilsverlusten der Schweizer Wirtschaft für Schweizer Arbeitnehmende, für deren Löhne und Beschäftigung stärker zu gewichten als ihre Ablehnung des EU-Gerichtshofs in Luxemburg.

Weiterlesen »

Die Schweiz wendet sich von der EU ab.

Das war zu erwarten, und jetzt tritt es ein: Wenn die Europäische Union beginnt, die Schweiz als Drittstaat zu behandeln, wird in der Schweiz jede Anwendung dieses Prinzips Empörung hervorrufen. Eine Neuorientierung, eine Rückwendung zu einem integrierten Europa kann eines Tages möglich werden, aber der Weg dahin ist schwer.

Weiterlesen »