Zwei Annahmen sind weiterhin realistisch:
Erstens, dass Führer von Atommächten in Versuchung geraten, Atomwaffen einzusetzen, wenn sie damit rechnen müssen, ihre Kriegsziele mit „konventionellen“ Mitteln nicht zu erreichen, oder nicht innert der Frist, die sie sich setzen.
Zweitens, dass sie und ihr Umfeld wahrscheinlich nicht suizidal sind – sie haben bisher gern gut gelebt -, und dass sie auch das Land, das sie führen, nicht in eine Apokalypse stürzen wollen. Somit sind sie interessiert daran, einen Atomkrieg so begrenzen können, dass er ausschliesslich die Erreichung ihrer Kriegsziele zur Folge hat, ohne zu einer Vernichtung ihres Landes zu führen, die auch sie selbst und Menschen, die ihnen nahe stehen – so sie solche haben -, in grösste Todesgefahr bringt. Gewiss, die Wahnsinnsfrage bleibt offen, aber vor Ferndiagnosen wird gewarnt.
Putin kann also durchaus daran gelegen sein, sich und der Welt ein Beispiel zu geben, dass ein begrenzter Atomkrieg führbar ist. Schafft er dies ein erstes Mal, kann er Trumps Frage auch in weiteren Fällen bejahen.
Die Hoffnung, dass die Apokalypse ausbleibt, ist aber eine Hoffnung, die der atomare Erstschläger in den Feind setzt: Dass dieser – auch im eigenen Interesse – den Zweitschlag begrenzt: Dass er diesen ebenfalls „taktisch“ hält und es unterlässt, durch Einsatz strategischer Atomwaffen gegen Städte im Feindesland zu eskalieren.
Allerdings wären auch die Auswirkungen eines „taktischen“ atomaren Schlagabtauschs katastrophal: Nicht nur für die Truppen und Zivilbevölkerungen, auf die die Geschosse direkt niedergingen, sondern infolge der nuklearen Verstrahlung wohl für grosse Teile eines Kontinents. Die Zerstörungskraft einer „taktischen“ Atomwaffe wird mit derjenigen der Bomben gleichgesetzt, die Hiroshima und Nagasaki vernichteten.
Das mag die Frage aufwerfen, ob es wirklich mit Putins Kriegszielen vereinbar ist, Atomwaffen gegen die Ukraine, in der Ukraine einzusetzen. Er will diese ja teilweise oder ganz besetzen, zum Modell eines neuen russischen Satelliten machen und für Russland produzieren lassen. Mit diesen Zielen ist eigentlich unvereinbar, die Ukraine zuvor nuklear zu zerstören und zu verstrahlen. Das bedeutet leider auch, dass vom ersten Versuch, einen begrenzten Atomkrieg zu führen, eher ein Land betroffen wäre, das der Erstschläger nicht als Gebiet zur Verwirklichung politischer und ökonomischer Ziele, sondern ausschliesslich als Feindesland betrachtet.
* Link zum Bericht der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 3.8.2016.