Der Ukraine-Krieg ist ein Beispiel, wie schwer der Verlauf eines Krieges vorhersehbar ist. Als russische Truppen im Februar 2022 in die Ukraine einfielen, wird Putin einen raschen Sieg, einen raschen Sturz der Regierung in Kiew erwartet haben. Auch die westlichen Beobachter hätten kaum gewagt, vorherzusagen, dass die Ukraine drei und mehr Jahre Widerstand leisten werde. Leider ist nicht ausgeschlossen, dass Putin noch ans Ziel kommt, vor allem nachdem Trump unmissverständlich zu erkennen gegeben hat, dass es ihm egal ist, und dass er nichts Wirksames unternehmen wird, um es zu verhindern.
Auch wenn ein angegriffenes Volk, eine angegriffene Staatengemeinschaft an Mannschafts- und Waffenstärke unterlegen ist, garantiert dies dem Angreifer keinen raschen Erfolg. Von Bedeutung ist auch der Widerstandswille der Angegriffenen – man denkt an die Finnen, die Balten, die Polen. Und wie sich im Zweiten Weltkrieg zeigte, kann nach einiger Kriegsdauer doch noch ein starker Verbündeter eingreifen. Winston Churchill konnte die USA lange nicht vom Kriegseintritt überzeugen. Die Wende brachte 1941 der Angriff der Japaner auf Pearl Harbour, und dass sich Hitler in seiner Begeisterung darüber zur Kriegserklärung an die USA hinreissen liess.
Auch der Widerstandswille eines angegriffenen Volkes ist schwer vorhersehbar. Wer ihn stärken will, muss den Zusammenhalt eines Volkes, das angegriffen werden könnte, stärken – auch seinen sozialen und ideellen Zusammenhalt. Wer nun im Gegenteil eine gewisse Genugtuung darüber zeigt, dass der notwendige Anstieg der Militärausgaben andere, von ihm stets abgelehnte staatliche Aufgaben zurückdrängt – dass ein „Dies Irae“, ein Tag libertären Zorns angebrochen sei -, der schwächt die Identifikation der betroffenen Teile der Bevölkerung mit der militärischen Landesverteidigung und im Angriffsfall ihren Widerstandswillen.