Sie befinden sich hier:

Droht Aussenminister Cassis eine „blutige Nase“?

Bundesrat Cassis werde sich „eine blutige Nase holen, wenn er die Hauptpunkte Rechtsübernahme und Schiedsgericht aussen vor lässt“, schreibt jemand in einem Facebook-Kommentar. Vier Überlegungen dazu – und ein Lesetipp.

  1. Wir können keine Politiker brauchen, die nicht bereit sind, eine „blutige Nase“ zu riskieren, um sich für das einzusetzen, was sie bzw. ihr Kollegium für nötig erkannt haben.
  1. Zuletzt war es die SVP, die sich eine „blutige Nase“ holte: Ihre „Begrenzungsinitiative“, die das Ende der bilateralen Beziehungen zur EU herbeigeführt hätte, wurde am 27. September 2020 mit klarem Volks- und Ständemehr abgelehnt (61,7 % Neinstimmen). Der Bundesrat darf, ja soll, dieser Mehrheit Rechnung tragen.
  1. Ob das Verhandlungsmandat für das Rahmenabkommen erweitert wird, entscheidet der Gesamtbundesrat. Und in dieser Frage steht eine Mehrheit unserer Regierung den Opponenten des bisherigen Verhandlungsergebnisses nahe: Zwei SVP, zwei SP. Die Position zweier weiterer ist kaum einschätzbar. Wenn schon „blutige Nase“, könnte sie sich der Aussenminister vorerst im Bundesrat holen: Durch einen Vier-zu-Drei, Fünf-zu-Zwei oder gar Sechs-zu-Eins-Entscheid für eine substanzielle Erweiterung des Verhandlungsmandats. Er dürfte dies vermeiden wollen.
  1. Innenpolitisch ist es wohl notwendig, von der EU die Entfernung der Zuständigkeit des EuGH aus dem Rahmenabkommen zu verlangen. Sonst werden die Gegner des Abkommens im Parlament und allenfalls vor der Volksabstimmung behaupten, man hätte sie weggebracht, wenn man nur gewollt hätte. Aber gleichzeitig müssen wir uns auf die Möglichkeit vorbereiten, dass die EU dies ablehnt, weil unsere bilateralen Verträge EU-Recht enthalten und die EU keine unterschiedlichen Auslegungen von EU-Recht für den Zugang zu Märkten und Kooperationen akzeptiert.

Lesetipp:

Peter A. Fischer: „Die Unterschiede zwischen dem Handelsabkommen der Briten mit der EU und dem ausgehandelten Rahmenvertrag der Schweiz mit der Union zeigen vor allem, worum es für die Schweiz wirklich geht: um die Frage, wie wichtig eine gleichberechtigte Partizipation am EU-Binnenmarkt ist.“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Friedensfürst Trump…

Donald Trump habe als Präsident keinen Krieg begonnen, werben seine Anhänger. Wie relevant ist diese Botschaft in einem Moment, da Trump-Freund Viktor Orban an einer „Weltwoche“-Veranstaltung in Wien verkündet, die Ukraine habe den Krieg gegen Russland verloren?

Weiterlesen »

Das erneuerte Henry-Dunant-Museum in Heiden verdient grosse Beachtung

Henry Dunant, Initiant und einer der Gründer des Roten Kreuzes, verbrachte seine letzten Lebensjahre in Heiden im Appenzeller Vorderland, ob dem Bodensee. Im ehemaligen Spital, in dem Dunant lebte, befindet sich ein sehr sehenswertes, auch durch seinen Aktualitätsbezug interessantes Museum. Am Freitag, 9. August 2024 wurde es nach einer grundlegenden Modernisierung wiedereröffnet.

Weiterlesen »