Sie befinden sich hier:

Der Putin-Winter führt ins Schweizer Wahljahr

Wenn die Folgen von Putins Gas-Erpressung die italienische Bevölkerung und Wirtschaft zu treffen beginnen, haben sie bereits gewählt. Die Rechtsextremen, so sie denn – wie jetzt erwartet wird – gewinnen, müssen sich in der Regierung bewähren. In der Schweiz führt der Putin-Winter ins Wahljahr – und man merkt es.

Wenn Staaten, Gesellschaften, unter einen derartigen Druck kommen, wie jetzt durch Putins Gas-Erpressung, müssten sie zusammenstehen. Aber jetzt geschieht das Gegenteil: „Alle gegen Alle!“ Die Voraussetzungen hierfür sind in der Schweiz schlimmstmöglich: Wegen der Unverbindlichkeit der Regierungsmandate sind alle Parteien frei zu rücksichtsloser Wahlstrategie.

In der Schweiz läuft es für Putin mindestens so gut wie in Italien. Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer werden ihr Möglichstes tun, die Bevölkerung gegen die behördlichen Empfehlungen und Massnahmen, die durch eine angeschlagene Regierung schwach vertreten werden, zu mobilisieren. Sie werden sich mit unvereinbaren Forderungen überbieten: Nach Atomkraftwerken die einen, nach massiver Umverteilung die Andern. Die mediale Resonanz wird sie belohnen. Stimmen der Vernunft und der Verständigungsbereitschaft drohen unterzugehen, resigniert zu verstummen. Es scheint mir wahrscheinlich, dass die Blocherpartei unter diesen Voraussetzungen in den Wahlen 2023 sich mindestens behaupten, wenn nicht als klare Siegerin aus ihnen hervorgehen wird.

Machen wir uns bewusst, dass Putin mit Europa nichts Anderes vorhat als die Ausweitung seines brutalen Machtsystems auf „Eurasien“, von Portugal bis Sibirien. Die Sowjetunion warb in der westlichen Arbeiterschaft mit ihrem Sozialsystem – Putin hat nichts dergleichen. Seine „Offerte“ an den Westen entspricht höchstens Orbans „illiberaler Demokratie“ und „Ordnungs“-Vorstellungen rechtsextremer Parteien.

Nach dem Scheitern des Rahmenabkommens mit der Europäischen Union wendet sich die Schweiz vorerst weiter von EU-Europa ab, statt sich realistisch um die Wiederherstellung geregelter bilateraler Beziehungen zu bemühen. So droht nicht nur im Innern unseres Landes, sondern auch in seinen Aussenbeziehungen das Reihenschliessen gegen Putins Imperialismus auszubleiben.

Es muss nicht so kommen. Es ist möglich, dass kooperative, verantwortungsbewusst Kräfte erstarken. Gerade deshalb müssen wir uns die Wahrscheinlichkeit einer fatalen Entwicklung vor Augen führen.

*

Siehe auch: „Wachsender Stress unserer Gesellschaft – Flexibilität und Toleranz müssen ‚cool‘ werden“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Für eine ernsthafte Diskussion des Verteidigungsfalls

„Befürchten Sie wirklich, dass Putin die Schweiz angreift, Frau Amherd?“ So überschreibt die „SonntagsZeitung“ ein Interview mit der Verteidigungsministerin. Zu bezweifeln oder zu bestreiten, dass der Verteidigungsfall eintreten könne, begleitet die Schweizer Armee-Debatte seit dem Kalten Krieg. Wenn die Armee wirklich gestärkt werden soll, muss die Diskussion des Verteidigungsfalls ernsthafter und intensiver geführt werden.

Weiterlesen »

CH-Sicherheitspolitik: Jetzt über die Nato und mit ihr konkret werden

Man nahm es für selbstverständlich, und Viele sehen es wohl noch so: Wenn es in Europa Krieg gibt und eine Verletzung der Schweizer Grenze droht, wird die NATO die Schweizer Armee unterstützen. Aber man rechnete mit einer starken militärischen Eigenleistung der Schweiz. Neuste Erkenntnisse stellen diese Annahme in Frage.

Weiterlesen »

Wieviel ist der Schweiz der Schutz der Menschenrechte in Europa wert?

Am Dienstag, 24. September, wird der Nationalrat über Vorstösse entscheiden, die die Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) fordern. Deren Urheber werden ihre Empörung über das Klima-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ausdrücken. Aber die Beratung muss auf eine grundsätzliche Ebene angehoben werden: Wieviel wert ist der Schweiz, ihren Einwohnerinnen und Einwohnern der Schutz der Menschenrechte in Europa?

Weiterlesen »